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Kolumne


Der kleine Weltfrieden

Ich habe einmal eine ernste Frage. Haben Sie schon einmal für den Weltfrieden demonstriert? Nein? Sind Sie denn der Meinung, dass Sie damit doch nichts ändern können? Nun gut, wissen Sie dann wenigstens, wie die stabile Seitenlage funktioniert? Welcher Fuß wird ausgestreckt, wie wird der Kopf eines Verletzten gebettet? Denn was ist, wenn Sie einmal in einen Autounfall verwickelt werden oder ein Passant vor Ihnen die Augen verdreht, blau anläuft und zur Seite kippt? Ja, was dann? Weglaufen? Doch was ist, wenn ausgerechnet an dieser Stelle kein Baum steht, hinter dem man sich verstecken kann? Manchmal sind es eben gerade die anderen Menschen, die einem keine Zeit zum Nachdenken lassen, ob man nun Verantwortung übernehmen soll oder nicht. Bei mir waren das vor ein paar Tagen zwei Kinder, die in einem Fahrradanhänger geradezu an mir vorbei schossen. Das blau-rosa Ding schlidderte in einem Wohngebiet auf einer unbefahrenen Kreuzung entlang, dicht gefolgt von einer jungen Frau, die auf der spiegelglatten Straße am Galgenberg gestürzt war und sich von ihrem Nachwuchs unfreiwillig überholen lassen musste. Nach einem dumpfen Schlag lag die Radlerin weinend auf dem kalten Boden. Das ging so schnell, dass der begleitende Ehemann nur verdutzt versuchen konnte, nicht selbst zu Fall zu kommen. Ich lief genau in diesem Moment nicht weit davon entfernt auf dem Bürgersteig entlang.

Wenige Augenblicke später fand ich mich an der Seite der  wimmernden Frau wieder, beugte mich vorsichtig zu ihr hinab und stellte die überaus blödsinnige Frage: „Haben Sie Schmerzen oder einen Schock?“ Das war der Augenblick, in dem mir klar wurde, dass ich meine Erste-Hilfe-Kenntnisse unbedingt auffrischen muss. Wie lange war es her, als ich zum letzten Mal die stabile Seitenlage geübt hatte? Das Gesicht der Frau war unter den zerzausten Haaren nicht zu erkennen. Sie sagte: „Ich bin auf den Kopf und auf die Hüfte geflogen. Aber es geht schon.“

Ich wusste nicht, ob die Frau bereits aufstehen oder besser liegenbleiben sollte, strich ihr Haar zur Seite und befühlte ihren Kopf. Dann half ich der Gestürzten doch auf die Beine, auf denen sie jedoch etwas wackelig zu stehen kam. Ganz offensichtlich hatte sie sich von ihrem Schrecken etwas erholt und sagte erneut: „Es geht schon wieder.“ Während sie einem weiteren Passanten, der sich mittlerweile zu uns gesellt hatte, versprach, vorsorglich zum Arzt zu gehen, fiel unser Blick auf den Anhänger, der von ihrem Mann bereits aus der Gefahrenzone geschoben wurde. Ich sagte zu ihr: „Sehen Sie, Ihre Kinder haben gar nichts mitbekommen.“ Jetzt lächelte sie erleichtert, drehte sich zu mir um und sagte: „Vielen Dank, dass Sie angehalten haben.“

Ich sah sie an und antwortete: „Kein Problem. Ist doch selbstverständlich.“ Und in diesem Augenblick, als ich mit der Frau mit den immer noch zerzausten Haaren sprach, wusste ich auch, wie der Weltfrieden zu retten ist – nämlich in unserer allernächsten Umgebung. In der Nachbarschaft, im Elternhaus und auch auf spiegelglatten Straßen. Wir müssen nur öfter anhalten. Das ist einfach und es ist ein wundervolles Gefühl. Und dies ist auch ganz im Sinne der österreichischen Erzählerin Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach, die vor über hundert Jahren sagte: „Wenn jeder dem anderen helfen wollte, wäre allen geholfen.“

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen Februar. Passen Sie auf sich auf. Und auf die anderen.


Wer wie unser Kolumnist Stefan Loeffler seine „Erste Hilfe“-Kenntnissen auffrischen möchte, hat dazu in Ulm mehrere Möglichkeiten. Eintägige Kurse bieten unter anderem das Deutsche Rote Kreuz in der Frauenstraße, die Deutsche Unfallhilfe in der Olgastraße sowie der Arbeiter-Samariter-Bund im Grimmelfingerweg auf dem Kuhberg an.

 


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