EBNER MEDIA GROUP – Lokale Medien

[Wortwechsel] Kolumne


Ulmer Münster Spitze im Nebel

Es werde Licht

… doch er fand den Schalter nicht. Eine tapfer-satirische Betrachtung der lokalen Wetterlage im Februar. Oder: dieser Ulmer Nebääääl!!!

Endlich ist es wieder so weit …“ Dies ist so ziemlich der einfallsloseste Texteinstieg, den es gibt. Und glauben Sie mir: Es gibt ihn oft! Ich weiß das so genau, weil ich mit sofortiger Wirkung allergischen Ganzkörperjuckreiz bekomme, wenn ich ihn lesen muss. Aber heute ist der Tag gekommen, da werde auch ich ihn verwenden – zum ersten Mal in meinem Leben als Journalistin und wider jeglicher Abscheu. Denn bald ist es wieder so weit: Der Ulmer Nebel wird sich lichten! Vorbei die trüben Tage in Aschgrau, Mausgrau, Kieselgrau. Vorbei die Tage, an denen uns der Himmel auf den Kopf fällt.

Die fahle Welt sauber putzen

Wie schwer so ein bisschen Luft-Wasser-Gemisch sein kann, verblüfft mich immer wieder, wenn mir die Nebelschleier gewichtig im Nacken hängen. Oder ist es das satinierte Licht, das uns hier monatelang durch die So-was-ähnliches-wie-Tage geleitet und solch runterziehende Wirkung hat? Man hat das Gefühl, man hätte die Brille von Peanuts-Marcie auf der Nase und möchte sie ständig putzen. Oder mit dem Fensterreiniger um sich schießen und quiekend die Welt sauber wischen, weil sie so angelaufen, milchig und fahl aussieht.
Und auch wenn wir unsere eigene Hautbleiche mit Make-up wegfaken können, sind Herbst und Winter in Ulm beautologisch betrachtet eine besondere Herausforderung. Ich habe schon versucht, mir den Münsterturm als Nebel-Barometer zunutze zu machen. Aber das Ergebnis ist irritierend: Sieht er morgens enthauptet wie Mitte des 19. Jahrhunderts aus, ist der Nebel niedrig und dünn. Meine unter Farbentzug leidende Psyche darf dann Hoffnung auf blauen Mittagshimmel haben – endlich! Mein Haupthaar hingegen muss in Kauf nehmen, dass sich das Thema Frisur erledigt hat: Direkt vor der Haustüre läuft man in einen Vorhang aus Tröpfchen, der alle Föhn-Mühen wieder wettmacht. Im englischen Sinne: wet! Naturlockenbesitzerinnen wie ich nehmen dann schafsähnliche Züge an. Naja, Ulmerin zu sein heißt eben Prioritäten setzen.

 

Von wegen, blau!

Ja, man muss schon Opfer bringen. Zum Beispiel den Wetterbericht aushalten: „Südlich der Donau zeigt sich öfter mal die Sonne“, frohlockt die heitere Meteorologen-Stimme aus dem Radio und ich wünsche ihm eine lange Lügennase ins Gesicht. Gut, ich wohne nördlich der Donau.
Einen (!) Kilometer nördlich des viel besungenen Flusses, dessen Farbe in dieser Jahreszeit kaum in Worte zu fassen, aber definitiv NICHT blau ist. Aber auch, wenn ich in Wiblingen oder Offenhausen wohnen würde, hätte mich der Ulmer Nebel fest in seiner Hand. Wie Hades persönlich grapscht er nach mir und die dunkelfinstere Donau ist seine treueste Gehilfin, nebst Iller und Blau. Blau! Schon wieder. Aber wo ist es denn? Im Wasser nicht, im Himmel nicht – ach, es ist zum Schafslocken raufen!

Barbara Lang und der Nebel des Grauens

Doch, immer, wenn ich diesem depressiven Nebel-Wehklagen zu verfallen drohe, denke ich an Viganella: Die kleine italienische Gemeinde im Valle Antrona, einem Tal im Piemont, galt lange als der dunkelste besiedelte Ort Italiens. Er liegt so tief unten zwischen den Bergen, dass vom 12. November bis zum 1. Februar kein einziger Sonnenstrahl hinabkommt. 83 Tage lang! Just mit Maria Lichtmess am 2. Februar schafft es die Sonne erstmals wieder über die Gipfel und erhellt die Piazza. Wobei dieses Naturereignis seit 2006 eigentlich Geschichte ist. Denn seitdem hat der Ort einen fünf mal acht Meter großen Spiegel in den Bergen, der das Sonnenlicht und die -wärme hinab auf den Dorfplatz reflektiert. Und seitdem überlege ich, ob sich auf dem Münsterturm nicht irgendwo ein Plätzchen finden ließe … Aber nein, ich bin ja schon total vernebelt.

Barbara Lang

 

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