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Kolumne


Das Salz des Vergnügens

Neulich lief ich von Ermingen in Richtung Sportplatz. Der Weg dorthin führte bislang an einem Waldrand vorbei. Führte. Der Weg ist zwar geblieben, der Waldrand war bei meinem letzten Spaziergang jedoch weg. Und damit ein riesiges Stück des Waldes. Und die Sitzbank, von der  man einen schönen Blick auf den kleinen Ulmer Ortsteil hat, steht auf einmal im Freien. Es war ein ungewohnter Anblick, der mir wieder einmal klar machte, dass die wenigsten Dinge für die Ewigkeit so bleiben wie sie sind. Alles verändert sich. Wälder, Straßen, Nachnamen, Wohnorte, Bauch- und Kinnumfänge, der Cholesterinspiegel, die Bierpreise, ja sogar die Jahreszahlen. Und man gewöhnt sich daran, ob das nun gut oder schlecht ist. Noch vor kurzem dachte ich mir: Mensch, jetzt ist ja schon bald 2018! Heute denke ich: Mein Gott, ist das Jahr 2017 schon lange her.

Alles verändert sich. Ob wir es nun wollen oder nicht. Johann Wolfgang Goethe fand es gut und sinnvoll. Der deutsche Dichterfürst schrieb in seinem Roman „Wilhelm Meisters Wanderjahre“: „Man sieht die Blumen welken und die Blätter fallen, aber man sieht auch Früchte reifen und neue Knospen keimen. Das Leben gehört den Lebendigen an, und wer lebt, muss auf Wechsel gefasst sein.“ Da werde ich dem  Großmeister natürlich nicht widersprechen, zumal der chinesische Philosoph Konfuzius bereits mehrere hundert Jahre vor Christus sagte: „Wer ständig glücklich sein möchte, muss sich oft verändern.“ Also richten wir unsere Blicke wohlgemut nach vorne und nicht in die Vergangenheit und lassen wir die Dinge auf uns zukommen. Dennoch: Ich liebe es auch, wenn sich manche Sachen eben nicht verändern. Und dabei denke ich beileibe nicht nur an stabile Bierpreise. In diesem Sinne wünsche ich mir, dass gute Freunde immer gute Freunde bleiben und meine Eltern ein unendlich langes Leben haben. Dagegen hätte sicherlich auch Friedrich von Schiller nichts einzuwenden gehabt, der mir in einem anderen Punkt heftig widersprochen hätte. Der Lyriker meinte dereinst: „Toren sinds, die von ewiger Liebe schwätzen, ewiges Einerlei widersteht, Veränderung nur ist das Salz des Vergnügens.“ Aus diesem Grund gibt es wohl auch viele Zeitgenossen, die sich ihr Leben ganz bewusst ein bisschen schmackhafter machen möchten. Oder zumindest ihren Alltag. Meine Frau tut das Schritt für Schritt. Soll heißen, sie krempelt nicht ihr ganzes Dasein um, sondern begnügt sich mit der Veränderung kleiner Dinge. Und das sehr zu meinem Leidwesen. Denn das ist immer der Punkt, an dem ich mich in meinem Alltag nicht mehr zurechtfinde. Und so kommt es mitunter vor, dass ich morgens nach dem Aufstehen in der Küche auf einen Stapel Pfannen blicke, wo sonst die Kaffeetassen standen. Dort, wo die Töpfe auf ihren Einsatz warteten, kuscheln dann die Geschirrtücher und wo der Besen lehnte, wartet nun ein Beutelchen voll Kompost auf Entsorgung. Die Leiter steht nun auf dem Dachboden, die blaue Tonne im Keller nun rechts vom gelben Sack und damit dort, wo früher der Rasenmäher thronte. Und auch mein Büro bleibt von den kleinen Neuanfängen meiner Frau nicht verschont. Die Kiste mit den Manuskripten steht nun neben der Leiter auf dem Dachboden, die Ordner mit den bezahlten Rechnungen im Flur und die Hefter mit den noch zu bezahlenden Rechnungen sind nun nach Farben geordnet. Ganz schön verwirrend, oder?

Dennoch: Vielleicht hat Konfuzius ja recht. Ich glaube, ich werde darüber einmal in Ruhe bei einer schönen Tasse Cappuccino nachdenken. Ich muss nur noch die Kaffeemaschine finden.


Im Grunde hat unser Autor Stefan Loeffler nichts gegen Veränderungen im Alltag: „Doch wenn es so weit geht, dass ich Kaffee aus der Suppenschüssel schlürfen und ich mich mit Gurkenschäler rasieren muss, dann wünschte ich mir doch, dass alles für immer beim Alten bliebe. Schiller zum Trotz.“





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