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[Wortwechsel] Kolumne


Schoko-Nikolaus und bunte Ostereier auf grünen Zweigen

Falsches Timing?

… legt der Nikolaus die Eier oder warum ich jedes Jahr neu überrascht bin.

Neulich im Supermarkt grinst mich dieser Hase ungefragt an. Direkt neben dem Gewürzregal und zwischen totem Fleisch, Tiefkühlgemüse und Fertigpizza. Nicht nur goldig eingepackt, mit Glöckchen oder in lila Alu gehüllt, sondern mit Sonnenbrille und fies-coolen Hasenzähnchen. Ostern neuerdings als hippes Fest. Warum nicht? Rein christlich gesehen ist das Ende der Fastenzeit und der Glaube an die Auferstehung Jesu Christi ja schon ein Grund zum Feiern.

Und doch – nicht nur das marketingtechnisch ausgeklügelte neue Image (Zielgruppe: die ewig Jungen – wen interessiert schon eine immer älter werdende Gesellschaft?) befremdet mich. Auch das allzu frühe Erscheinen der österlichen Süßigkeiten kommt wie jedes Jahr ziemlich unerwartet. Liegt doch zumeist noch irgendwo ein übriggebliebener Fondant-Stern in der Naschdose oder ein einsames Zimtplätzchen in einer nach hinten gerutschten Gebäckdose. Und auch der Schokoladen-Nikolaus wartet noch auf seine Zweitbestimmung wie Frühstücksbrot-Belag oder Kuchenglasur.

Stattdessen jedes Jahr die ewig gleichen Gespräche: „Hast du schon gesehen? Es gibt schon wieder Ostersachen!“ „Tatsächlich? Wer kauft das denn?“ Tja, wer kauft das denn, fragt man sich und denkt natürlich sofort an diverse Burger-Ketten, zu denen ja anscheinend niemand hingeht, obwohl sie sich guter Umsätze erfreuen. Aber, man weiß es ja, es sind immer die anderen, man selber würde nie…

„Irgendwer muss ja was gegen dieses
ständige falsche Timing tun…“

Nein, man würde nie im August frisch fröhlich zugreifen, wenn die ersten schokoladigen Nikoläuse, Glocken und Tannenbäume ungefragt in eben dem selben Regal neben Spekulatius und Baumanhängern auftauchen. Gerade dann wenn man verschwitzt vom Baggersee und auf der Suche nach einem erfrischenden Stil-Eis ahnungslos durch den Markt schlendert. Allenfalls lockt diese Art von Verführungen im September, wenn der erste Herbstnebel die Lust auf schwarzen Tee bei Kerzenschein und Lebkuchengeschmack weckt. Was den Weihnachtsmännern erlaubt ist, sollte daher auch für die Osterhasen nur recht und billig sein: das falsche Timing!

Doch warum lasse ich persönlich mich auch dieses Mal neu davon überraschen? Bin ich so wenig lernfähig oder will ich mich einfach nicht daran gewöhnen? Und das, obwohl
wir in einer Zeit leben, in der es mit dem Timing oft nicht so richtig stimmt. Man denke da an diverse Großbaustellen in unserem Lande, in unserer Stadt. Hier ist das Timing zwar selten verfrüht, aber nichts desto trotz so ganz und gar nicht richtig. Zumindest wenn man die Planung mit dem tatsächlichen Ergebnis vergleicht.

Elvira Lauscher beißt in eine Tafel Schokolade

Da lob ich mir doch schöne alte Traditionen, von denen gerade Ulm erfreulich viele hat. Traditionell stimmt da auch noch das Timing. So ist die Schwörrede immer um 11.00 Uhr am Schwörmontag. Stellen Sie sich hier einmal ein falsches Timing vor! Fünf Uhr morgens oder gar am Nachmittag um 16.00 Uhr. Es würde nicht gut ankommen. Und auch das Fischerstechen im Winter würde sich wahrscheinlich nicht der gleichen Beliebtheit erfreuen – in jedem Fall nicht bei den Stechern auf den Zillen. Ebenso wäre ein Weihnachtsmarkt im August etwas befremdlich. Wobei, gerade das sollte ich vielleicht nicht zu laut sagen. Man weiß ja nie… Nicht dass noch jemand auf seltsame Ideen kommt!

Vielleicht sollte ich zur Beruhigung doch einen von diesen Langohr-Tieren vernaschen und damit aus dem Regal eliminieren. Irgendwer muss ja was gegen dieses ständige falsche Timing tun…

Elvira Lauscher

 

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