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[Wortwechsel] Kolumne


Gelber Briefkasten für Liebesbriefe

„Ewig Dein. Ewig mein. Ewig uns.“

Was heute ein viel zitierter Hochzeitsspruch ist, war vor über 200 Jahren der Abschluss eines geheimnisumwobenen Briefes von Ludwig van Beethoven an seine „unsterbliche Geliebte“. Die Halbwertzeit unserer heutigen, fix getippten Herzknutsch-Emoji-Nachrichten beträgt kaum einen Bruchteil davon … Eine Liebeserklärung an den Liebesbrief:

Ja, okay, im rechten Moment kann so ein pochendes Herz auf dem Handy schon ganz nett sein. Aber es lässt etwas an Unsterblichkeit vermissen.
Und an Tiefe. Überhaupt steckt die intime Liebeserklärung in der Krise: Wenn Frauen suchende Bachelors, Klatschpresse liebende Semi-Promis und Follower liebende Influenzer allzu inflationär „Isch liebe disch“ aus dem Monitor dröhnen, leidet das Image des L-Wortes. Verständlich, dass manch einer es gar nicht mehr recht über die Lippen kriegen mag, weil es ihm oder ihr so platt vorkommt. Umso schöner, wenn solch ein Verzagter es dann doch mal sagt: „Ich lieb(e) dich!“ Im Zweifelsfall übrigens bitte immer mit e! Sonst könnte der andere Sorge haben, gleich in die Wange gezwickt, auf die Stirn geküsst und im Frottee-Schlafanzug ins Bett geschickt zu werden … Ich schweife ab …

Mit richtiger Tinte auf richtigem Papier
Der Liebesbrief: Er ist eine vom Aussterben bedrohte zwischenherzliche Kulturform, für die ich hier und jetzt eine Lanze brechen möchte. Als mir kürzlich aufgefallen ist, dass ich diesbezüglich immer nur als Empfängerin agiert habe, hatte ich echt das Gefühl, etwas Wichtiges verpasst zu haben. Ich finde, jeder – nicht nur frisch Verliebte – sollte wenigstens einmal in seinem Leben einen Liebesbrief geschrieben haben. Das gehört in die Kategorie „Sohn zeugen, Baum pflanzen“ und so weiter. Einen richtigen, altmodischen Liebesbrief mit richtigem Inhalt und richtiger Tinte auf richtigem Papier. Nicht: „Willst du mit mir gehen? Ja (Kästchen). Nein (Kästchen). Vielleicht (Kästchen).“ Ich meine einen, den sich der andere mit Schleife in einem Schuhkarton auf dem Dachboden aufheben möchte, bis die Enkel ihn irgendwann finden, eine Staubschicht davon runter pusten und noch einen Hauch von dem aufgesprühten Parfüm … jaaaaa, okay, das ist jetzt vielleicht etwas … äh, was eigentlich? Hoffnungslos romantisch? Gerade deshalb! Wann, wenn nicht jetzt? Hey, schreiben ist wieder total in. Es heißt zwar jetzt Handlettering und Journaling, aber da ist der Sprung zum Lovelettering ja nicht mehr weit. Ich rufe hiermit einen neuen Trend aus! Von mir aus können wir dafür auch einen zeitgeistigen skandinavischen Begriff prägen: Kärleksbreving! Und jetzt, los: Ran an den ollen Schulfüller!

Foto von Barbara Lang

Der neue Trend: Kärleksbreving
Sie werden schnell merken, dass Kärleksbreving eine wahre Kunst ist, in der man sich perfektionieren kann. Mein Tipp: Es ist immer gut, KEINE abgedroschenen Zitate, Gedichte oder Wandtattoos zu bemühen („Es ist, was es ist…“ – würg!!!). Das Geheimnis eines guten Liebesbriefes ist natürlich die Individualität. In schönen Worten – Herz, Glück, Feuer, Sehnsucht und ein schmachtendes Ach! haben sich z.B. bewährt – die Besonderheiten und Macken des anderen als liebenswert hervorzuheben. Immer nach der Prämisse: Sag es und meine es! Ich persönlich mag ja Liebeserklärungen, die irgendwie ein bisschen knarzend daherkommen. Pablo Neruda konnte das: „Ich hungere nach dem Fehltritt deines Lachens.“ BANG!!! Okay, Neruda war einer der größten Liebesdichter der Welt. Als Kärleksbreving-Anfänger dürfen wir auch ein bisschen gewöhnlicher einsteigen. Schließlich heben wir uns schon allein dadurch ab, dass wir einen handgeschriebenen Kärleksbrev mit Oldschoolpost und Briefmarke schicken – allein der Aufwand ist ja schon eine Liebeserklärung!

Barbara Lang

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