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[Wortwechsel] Kolumne


Wir müssen reden!

Dürfte ich Sie wohl schnell mal davon überzeugen, mit mir die Welt zu retten? Es läge mir viel daran, dass der bildhafte Spruch „Nach uns die Sintflut“ nicht noch mehr in die Tat umgesetzt wird. Ich verspreche Ihnen auch: es wird nicht weh tun!

Die Welt zu retten war noch nie so stylisch, sexy und spannend wie heute! Charmante Unverpackt-Läden und innovative Produkte wie Saatgutkonfetti, essbare Verpackungen, Shampoo-Bars, Schuhe aus Ananasfasern oder einfach nur superstilvolle Fahrräder reizen wirklich zum better green living. Besonders toll daran: Frischer Wind wirbelt unsere verkrusteten Gewohnheiten auf. Mich pustet gerade mit voller Kraft der Rebellen-Flow meiner Jugendzeit an: trotzig, kritisch, ungehorsam und jetzt erst recht!

Die Rückspultaste des Lebens
Als die mutige 16-jährige Greta Thunberg mit ihrer legendären Rede in Davos den Anzugträgern des Weltwirtschaftsforums die Leviten gelesen hat, war das wie aus dem Koma gerissen zu werden: „I want you to panic“, klatschte sie den mucksmäuschenstillen Herren (vielleicht auch wenigen Damen?) ins Gesicht. „I want you to feel the fear I feel everyday. And I want you to act.“ Autsch! DAS war der Arschtritt, den wir alle brauchten! Denn, wir müssen es uns eingestehen: wir haben geschlafen, waren zu vertrauensvoll, zu träge. Deshalb müssen wir nun alle die Rückspultaste in unserem Leben suchen und schleunigst bei einigen Gewohnheiten auf Reset drücken. Ich finde, wer aus Versehen in weniger als 100 Jahren eine erdumspannende Klimaerwärmung und das sechste große Artensterben auslöst, der sollte das auch wieder in Ordnung bringen. Immerhin haben das in den vier Milliarden Jahren davor nur massive Naturgewalten wie Eiszeiten geschafft und seit 66 Millionen Jahren war Ruhe im Karton. Uns bleiben nun noch zwölf mickrige Jährchen, um eine Kettenreaktion abzuwenden, die den Sintflut-Spruch realisieren würde. Höchste Zeit also, zu beweisen, dass wir uns den Namen Homo sapiens, kluger Mensch, zurecht gegeben haben!

Kunststoff ist Zündstoff
Ausreden gelten nicht mehr! Weniger Fleisch essen hat bei so vielen leckeren Veggie-Alternativen nichts mehr mit Verzicht zu tun. Mehr Radfahren macht fit und achtsam. Auf Ökostrom umstellen kostet nur einen Nachmittag Zeit. Und das gute Gefühl gibt’s gratis obendrauf! Dann ist da noch unsere verdrehte Logik: Natürliches ist die Ausnahme geworden, Künstliches die Regel. Schon mal aufgefallen? Achten Sie mal nur darauf, wo Ihnen Plastik begegnet: ÜBERALL! Klar, Kunststoffe sind nicht grundsätzlich schlecht, in manchen Bereichen sogar unersetzbar. Blöd nur, dass wir die unkaputtbaren Methusalix-Materialien als reines Wegwerfprodukt verwenden. Plastik ist der Bruce Willis unter den Werkstoffen: Stirb langsam, Teil 7, Long-Version: 450 Jahre. Und was machen wir? Einmal benutzt, und ab damit! Immerhin kann man löblich beobachten, dass im herkömmlichen Supermarkt allmählich das Grünzeug die Hüllen fallen lässt. Bei anderen Lebensmitteln und vor allem im Hygienebereich wird es uns noch nicht so leicht gemacht. Warum brauche ich Klugscheißer-Apps, um verstecktem Microplastik und Krebserregern zu entkommen? Warum finde ich selbst im Naturkosmetik-Regal kaum Marken, die wenigstens in recyceltem Kunststoff stecken?

Abenteuergeist gehört dazu Dann eben back to the roots: Ich kann zwar nicht versprechen, ob ich den Schritt zurück zum Stofftaschentuch übers Herz bringe, aber Putzen im Oma-Style mit Natron und Zitrone geht klar. Außerdem rühre ich gerade mit Forschergeist und Experimentierfreude Lavaerde zu Schlamm und dusche damit. Nun ja, für meine Haare noch nicht die Ideallösung: Pflügen statt Kämmen (ganz abgesehen davon, dass ich mir den Hohn eines Freundes zugezogen habe, der meinte, ich hätte den Sinn des Saubermachens nicht ganz verstanden). Luft nach oben ist, für mein sensorisches Empfinden, auch noch bei der Putzeffektivität von Bambuszahnbürsten. Und, dass sich die Anschaffung von Spülbürsten aus Naturmaterial zu einer halben Doktorarbeit ausweiten würde, weil Holzstiele nicht automatisch – wie die Optik suggeriert – mit Naturborsten bestückt sind, hatte ich auch nicht erwartet. Aber egal: Es tut sich was. Und das steckt an. Ich hoffe, ich habe Sie auch mit Tatendrang infiziert!

Barbara Lang

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