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Kolumne


Das Beste und das Mögliche

Sie sind unter uns. Ganz nah und doch irgendwie weit weg. Vor einigen Tagen lief ich frühmorgens durch den Wald und überlegte mir, weshalb hier kein Schwein zu sehen war. Aber das ist ja eigentlich klar, weil sich Eber, Hirsche und Rehe nach Tagesanbruch einfach in den Wald zurückziehen und sich Fuchs und Hase schon am frühen Morgen gute Nacht sagen. Man sieht sie nicht. Man hört sie nicht, man riecht sie nicht. Und doch sind sie da.

So gesehen sind wir Ulmer (und Ulmerinnen) alles andere als Wildschweine, denn gerade jetzt im Juli lassen wir alle ganz ordentlich die Sau raus, plantschen im bunten Rudel die Donau „na“ und feiern bis tief in die Nacht hinein. Die Schwörwoche steht in den Startlöchern und es gibt nicht wenige, die schon zu Beginn des Monats „voll Bock“ haben, dass es endlich losgeht. Falls nun ein Gast unserer Stadt diese Geschichte hier lesen sollte, so möchte ich es an dieser Stelle nicht versäumen, dass wir Ulmer (und auch UImerinnen) natürlich nicht nur auf Bierbänken sitzen und uns permanent zuprosten (obwohl wir das ja schon gerne tun). Denn der unangefochte-ne Höhepunkt eines jeden Jahres ist am Schwörmontag die Schwörrede auf dem Weinhof, die Beginn und Ende des politischen Jahres in Ulm kennzeichnet. Nach dessen Ablauf bricht die kommunalpolitische Sommerpause an. Zu Scharen versammeln sich die Bürger jeweils am vorletzten Montag im Juli, um dem jährlichen Rechen-schaftsbericht von Oberbürgermeister Gunter Czisch zu lauschen, der in diesem Jahr bereits zum dritten Mal auf Ulms bekanntesten Balkon tritt. Er erneuerte vor einem Jahr den Ulmer Eid übrigens mit den Worten: „Die Schwörglocke mahnt uns, bescheiden zu bleiben, Bodenhaftung zu wahren, das Beste für Ulm zu wollen und das Mögliche für Ulm zu tun. Sie macht uns bewusst, dass wir bei unserem Tun auf den Beistand Gottes angewiesen sind. Mit diesen Gedanken will ich den Schwur aus dem Schwörbrief von 1397 erneuern:

Reichen und Armen ein gemeiner Mann zu sein in den gleichen, gemeinsamen und redlichen Dingen ohne allen Vorbehalt.“

Was danach folgt, hat mitunter jedoch wenig mit Bescheidenheit zu tun, denn dann folgt eben das Nabada, der wohl größte Wasserumzug Deutschlands. Da kann man ja schließlich auch stolz drauf sein. Kann man, muss man aber nicht. Denn es soll in der Stadt doch tatsächlich Mitbürger (und Mitbürgerinnen) geben, die am Ulmer Tag der Tage fluchtartig die Stadt verlassen, so als ob auf den übervölkerten Plätzen und in den Gassen plötzlich Krieg ausgebrochen ist.

Apropos Krieg. Wissen Sie, wo das Nebenwerk XXXV des Forts Oberer Eselsberg liegt? Die Antwort lautet: ziemlich versteckt im Wald des Obergberghofs. Die Festungsanlage wurde im 18. Jahrhundert zur  Verteidigung gebaut. Von hier aus hätte man damals die Eindringlinge ins Visier genommen, die aus dem Schammental und von der Hochfläche bei Jungingen gekommen wären. Denn dies war die erwartete Angriffsrichtung der Franzosen, die man bis zu einer Entfernung von 3,5 Kilometern unter Beschuss hätte nehmen können. Nach der Nutzung als Kaserne waren in einem der Räume bis 1980 Käfige der Tierversuchs-anstalt untergebracht, in anderen wurden Ersatzteile für Pershing-Raketen gelagert. Heute sagen sich hier oben auf dem Eselsberg Fuchs und Hase friedlich Gute Nacht. Und die sind mir auf jeden Fall lieber als Raketen. Deshalb sollten wir alles tun, dass es diese auch nie wieder geben wird. Dafür müssen wir ganz einfach das Beste wollen und das Mögliche tun.


Unser Autor Stefan Loeffler konnte vor kurzem das Fort Oberer Eselsberg besuchen, das nicht frei zugänglich ist: „Wer Lust hat, die alte Anlage zu besichtigen und in die dunkle Vergangenheit des Oberen Eselsbergs abzutauchen, kann dies am 8. und 9. September tun. Bei der „Nacht und Tag des offenen Denkmals“ öffnet das Nebenwerk XXXV für alle Besucher sein großes Tor.“

 


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