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Kolumne


Sklave der eigenen Bedürfnisse

Heute geht es um das Müssen und das Können. Zum Beispiel muss man nicht in die Kirche gehen, aber man kann. Glauben Sie mir, manchmal lohnt sich das unglaublich. Die Besucher des Vortrages „Wie wir leben – wie wir leben könnten“, den der Benediktinerpater Anselm Grün in der Ulmer Pauluskirche gehalten hatte, werden jetzt bestimmt nicken. Unter anderem, so schreibt Bernd Rindle in der Südwest Presse über die Ausführungen des Paters, sei es nicht das Ziel sich zu verändern, sondern zu sich selbst zu finden. Frei zu sein, so heißt es in dem Artikel weiter, bedeute, „dass ich alles tun kann, was ich will“. Man dürfe dabei jedoch, so Pater Anselm Grün, nicht der Sklave der eigenen Bedürfnisse werden.

Wissen Sie was: Es stimmt. Zu dieser Erkenntnis kam ich vor ein paar Tagen, als ich an einem Dienstagnachmittag von Ermingen nach Ulm fuhr. Es war ein superschöner Sommertag und ich hatte Zeit. Ganz einfach Zeit. Alle Zeit der Welt. Ich war mein eigener Weltmeister, auch ganz ohne Jogi Löw und die Fußball-WM in Russland. Und so bog ich kurzentschlossen ab, um zum Biergarten im Butzental zu fahren. Denn ich hatte nicht nur Zeit, sondern auch Durst. Ist es nicht wunderbar, wenn man das tun kann, was man will. Ob das Pater Anselm Grün so gemeint hat?

Es waren nur wenige Gäste da und so war es leicht mit meinem Hund ein Plätzchen unter den schattenspendenden Sonnenschirmen zu finden. Gedankenversunken ließ ich die Blicke schweifen. Alles war friedlich. Noch. Auf dem kleinen Spielplatz am Hang drehte ein junger Mann sein Töchterchen auf einem kleinen Karussell. Und zwar ziemlich schnell. Zu schnell? Die Gesichtsfarbe des Kindes nahm alsbald die Farbe von Zitroneneis an. Doch es hielt sich wacker. Vielleicht, so dachte ich mir, war die Kleine froh, den Papa einmal ganz für sich alleine zu haben, der sonst vielleicht unter der Woche selten
für sie da sein kann.

Sicher häufig ist das ältere Ehepaar zusammen, das zwei Tische entfernt von mir Platz nahm. Sie sagte laut zu ihm: „Do isch Selbstbedienung. Was willsch? I gang was hola.“ Er legte die Hand ans Ohr und fragte zurück. „Hä?” Sie wiederholte die Frage noch  etwas lauter: „Was willsch? I hol was zum dringa.“ „A Bier.“ „Ond an Kucha?“ „Was?“ „An Kucha au? „Noi.“ Sie ging los. Mittlerweile wurde auf dem Spielplatz am Hang der kleine Höllenritt beendet und das kleine Mädchen lief mit noch etwas unsicheren Schrittchen ihrem Vater hinterher, der direkt auf meinen Tisch zusteuerte. Als er meinen friedlich dösenden
Hund sah, packte er erschrocken sein Töchterchen und machte einen großen Bogen um uns. Dabei warf er mir einen bösen Blick zu und gab mir mit seinen Augen zu verstehen, dass Hunde hier nichts verloren hätten. War das so oder hatte ich das in diesem Augenblick nur so wohin gedacht? Weshalb haben Hunde nichts in einem Biergarten zu suchen? Für wen sind Biergärten denn? Für Biertrinker und Gärtner? Der besorgte Papa setzte sich vier Tische weit weg von uns und fragte sein Töchterchen liebevoll: „Magscha Eis?“ „Ja.“ „Was für eins?“ Das Kindlein zuckte mit den Schultern. „Schoko?“ „Nö.“ „Vanille?“ „Nööö.“ „Himbeer?“…

Mittlerweile war die ältere Dame mit einem Tablett zu ihrem Mann zurückgekehrt, mit einem Wasser, einem Bier und einem Kuchen. Er sah sie fragend an: „Krieg i koin Kucha?“ „Du wolldsch doch koin.“ „Doch. Scho.“ Sie wurde wieder etwas lauter: „Aber Du hosch doch gsagd…“ Mit einem Schlag hing der Haussegen an diesem Tisch etwas schief. Auch mein Hund wurde aus seinem Dämmerschlaf gerissen und schaute etwas besorgt zu den beiden Streithähnen hinüber. Unterdessen waren Papa und Tochter bei Erdbeere angelangt. Er fragte sie – nun schon etwas gereizt: „A Nogger?“ „Was isch des?“ „So was mit Schoko.“ „Aber i mag doch koi Schoko.“ „Zefix. Dann gugg doch selber.“ Das Kind stammelte „Mag ned“ und nun war es am Papa leicht säuerlich auszusehen, sein Gesicht hatte ein bisschen die Farbe von Zitroneneis. Am Nachbartisch sagte die ältere Frau gerade: „Legg mi doch am Arsch. I dreh dir no irgendwann den Kragen um.“ Ich beschloss zu gehen und dachte dabei an die Worte von Pater Anselm Grün. Auch ich finde es gut, dass man das tun kann, was man will. Zum Beispiel jederzeit in einen Biergarten gehen. Muss man jedoch nicht.


In dem anfänglich friedlichen Biergarten war ganz schön etwas los. Aber laut Pater Anselm Grün ist das wohl auch gut so. Denn unser Autor Stefan Loeffler fand von ihm auch das Zitat: „Überall, wo wirklich Leben ist, ist auch eine Spur von Glück.“

 


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