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Kolumne


Wenn Freude ausströmt

Der nächste Sommer kommt bestimmt. Seien Sie also nicht allzu traurig, dass die großen Ferien bald vorbei sind. Nun füllen sich bald wieder die Klassenzimmer in den Schulen, die Autobahnen werden leerer. Das ist doch auch schön. Wo waren Sie denn im Urlaub? Im Norden oder im Süden? An der dänischen Ostsee oder in den heimischen Bergen? Standen Sie auch einmal im Stau? Mich zog es für ein paar Tage nach Ruhpolding in Oberbayern. Von dort stieg ich hinauf zur herrlich gelegenen Bründling Alm. Es war ein sonniger Tag, an dem Kinder unbeschwert Löwenzahn auf den Wiesen pflückten, die die Natur wie saftig grüne Teppichboden über die leichten Hügel gelegt hat. Die Bierflagge vor der Bründling Alm schwang trage im lauen Wind. Hier oben war die Welt noch in Ordnung. Für mich. Nicht jedoch für meinen Nachbarn, der neben mir auf der Bank vor der Hütte saß und haderte. Er stellte sein halbvolles Weizenglas auf den Tisch und raunzte missmutig: „Jeds san DIE scho wieder do!“

Wer war schon wieder da? Wer war DIE? Bevor ich ihn fragen konnte, wen er meinte, hörte ich SIE bereits. Oder besser: Ich vernahm einen langgezogenen Ton, der irgendwie komisch, gewöhnungsbedürftig klang.

Er kam von einer nahe gelegenen Almwiese. Was war das? Ein Angriff? Eine Sirene? Wer heulte denn an so einem schönen Tag in den Bergen? Der Mann neben mir klärte mich auf, obwohl ich das Gefühl hatte, dass er eher mit sich selbst sprach: „Manchmol sands hier und manchmal au wiedr ohm. Die Jodler.“

Ich war verblüfft: „Das ist Jodeln?“ „A Kurs, die lernens jo grod.“ Es klang wirklich nicht gut. Ich war neugierig geworden, stand auf und ging zu der Gruppe hinüber. Etwa 20 Frauen und Männer aus Schleswig-Holstein standen im Kreis, die Frauen zum Teil mit Trachtenhüten, die Männer zumeist ungelenk. Einige von ihnen machten den Eindruck, als ob sie lieber in der Alm an einem Biertisch sitzen würden, anstatt davor zu stehen und zu jodeln. Der Lehrmeister stand in der Kreismitte und intonierte stolz den Andachtsjodler. Als er fertig war, fragte er mit erhobener Brust in das höflich applaudierende Grüppchen: „Gänsehautfeeling, nicht?“ Die Frauen kicherten belustigt, die Männer suchten ein Erdloch. Vergeblich. Ich fand es einfach nur furchtbar und hatte das Gefühl, dass sich ein kleines Holzpferd, das am Rande eines Spielplatzes stand, sich schon verformte.

Ich habe einmal gelesen, dass Jodeln nichts anderes ist, wie Singen ohne Text – mit häufigem schnellen Umschlagen zwischen Brust- und Falsettstimme. Singen ohne Text, das ist ja wie Tanzen im Sitzen. Der Heilige Augustinus von Hippo soll das Jodeln einmal als das „wortlose Ausströmen einer Freude“ bezeichnet haben, die so groß sei, dass sie alle Worte zerbreche. Dann wird es wohl so sein, denn schließlich stammt von dem Theologen auch der kluge Satz: „Wir müssen unseren Nächsten lieben, entweder weil er gut ist oder damit er gut werde.“

Der Jodel-Maestro vor der Bründling Alm verteilte nun Glocken an die Männer und gab die Anweisung: „Also, wir spielen die Tonleiter rückwärts, also 4,3,2, dann 2,4,2,3 5,6 und 2,4,2,3,5,6…… Die Trachtenhutfrauen kicherten wieder, die Männer fingen an lustlos mit den Glocken zu schwengeln, das Holzpferd sackte noch weiter in sich zusammen und der Jodelleiter frohlockte: „Gänsehautfeeling, was?“

Doch nun ist wohl auch hier oben in den Bergen über Ruhpolding erst einmal für längere Zeit Ruhe und die Gruppe aus Schleswig-Holstein längst wieder in heimischen Gefilden. Die Ferien sind bald vorbei. Der Mann, der neben mir vor der Alm saß, kann sein Bier in den kommenden Wochen sicherlich wieder mit etwas mehr Ruhe genießen. Das sollte er auch tun, denn der nächste Sommer kommt bestimmt.


Für unseren Autor Stefan Loeffler sind Urlaubstage die beste Zeit, um sich in aller Ruhe in Bücher zu vertiefen. Am liebsten in Romane. Man kann es jedoch auch so halten, wie der irische Lyriker und Dramatiker Oscar Wilde, der die für ihn beste Urlaubslektüre selbst schrieb. Er sagte einst: „Ich reise niemals
ohne mein Tagebuch, denn man sollte immer etwas Aufregendes zu lesen bei sich haben.“


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