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Kolumne


Ösophagogastroduodenoskopie

Es gibt Namen, bei denen ich schon beim puren Lesen Schweißausbrüche bekomme. Das Wort Agranulozytose gehört dazu. Oder auch die Begriffe Elektroschock, Furunkel und Kastration. Und wenn mich jemand auf Ulcus pepticum anspricht (was zugegebenermaßen sehr selten der Fall ist), leide ich in Sekundenschnelle an Schnappatmung und kann mich nur schwer wieder selbst beruhigen. So wie jetzt in diesem Moment. Einen Augenblick bitte: Ooooohmm! So, jetzt geht es wieder. Also weiter im Text. Nun leide ich ja nicht an einem hochgradigen Mangel an weißen Blutkörperchen oder einem durch Magensaft verursachten Geschwür im Verdauungstrakt. Aber tiefschürfende Untersuchungen lehne ich ab. Meine Frau steht in diesem Punkt eindeutig mehr ihren Mann. Vor ein paar Tagen ging sie fast schon gutgelaunt zu einem Ösophagogastroduoden-oskopie-Termin. Zumindest machte sie sich keine Sorgen vor der Untersuchung. Ich hätte vier Tage zuvor kein Auge mehr zugemacht. Damit sind wir beim Thema. Während sich meine Frau voller Zuversicht einen Schlauch in der Speiseröhre versenken lässt, denn bei der Ösophagogastroduodenoskopie handelt es sich um eine Magenspiegelung, habe ich den größten Bammel vor Arztbesuchen. Und damit bin ich nicht allein, wie ich einem Artikel in der Südwest Presse entnehmen konnte. „Es gibt Schätzungen, wonach bis zu zwei Millionen Menschen in Deutschland von Ängsten vor Ärzten oder Behandlungen betroffen sind“, wird hier Prof. Arno Deister zitiert. „Allerdings ist die Krankheit nicht genau definiert“, so der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) weiter. Ich wusste nicht, dass es sich bei dieser Scheu, von der ja überwiegend das sogenannte starke  Geschlecht betroffen ist, sogar um eine Krankheit handelt. Im Ernst, ein Besuch beim Arzt ist für mich der Horror und ich oute mich ganz offen als Angsthase. Meine Frau kann darüber nur den Kopf schütteln. Doch ich habe meine Gründe. Erst vor kurzem habe ich mir ein Kabarett-programm von Gerd Dudenhöffer angesehen, bei dem er unter anderem auch über Panikattacken vor Arztbesuchen spricht: „Um zehn Uhr gehen Sie zum Arzt und um 11 Uhr haben Sie Krebs.“ Verstehen Sie, was ich meine? Das ist natürlich Blödsinn, eben scherz-haftes Kabarett. Und es ist mir auch klar, dass man sich hin und wieder untersuchen lassen sollte. Noch dazu, wenn man einen guten Hausarzt hat, so wie ich. Er malt bei leicht von der Norm abweichenden Leberwerten nicht gleich den Teufel an die Wand, besitzt eine große Portion Humor und lässt sich auch bei einem übervollen Wartezimmer nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Ich erinnere mich an einen meiner früheren Besuche, als ich ihn auf den enormen Andrang an der Rezeption ansprach. Damals antwortete er mit einem verschmitzten Lächeln: „Ich glaube, da hat heute Morgen jemand ein Schild an die Praxistür gehängt mit der Aufschrift: „Heute Freibier“. So müssen Ärzte sein!

Doch mein Blutdruck macht mir einen Strich durch die Arztrechnung. Und wer möchte widersprechen, wenn man behauptet, dass hohe systolische und diastolische Werte zumindest auf Dauer gesehen ungesund sind? Messe ich die Werte zuhause, sind sie immer in Ordnung. Doch sobald mein Arzt mir die Manschette anlegt, schnellt mein Blutdruck jedes Mal in oftmals ungeahnte Höhen. Und das kann ja nun wirklich nicht gesund sein, oder? Als ich meinem Arzt einmal eine Liste meiner zuhause ermittelten Werte auf den Tisch legte und mit ihm das Phänomen besprach, hatte er sofort eine Antwort parat, die mir sehr gut gefiel: „Da gibt es nur eines: Meiden Sie Arztpraxen.“ Leider weiß ich nicht mehr, ob er damals bei den Worten verschmitzt gelächelt hat. Wie auch immer. Ich glaube, es ist jetzt an der Zeit, zumindest diesen Ratschlag wieder einmal in den Wind zu schlagen und mich einem Check zu unterziehen. Schließlich möchte ich ja nicht ewig vor meiner Frau als Angsthase dastehen. Es muss ja nicht gleich eine Ösophagogas-troduodenoskopie sein.

 

 

Nicht nur unser Autor Stefan Loeffler ist skeptisch, was Arztbesuche betrifft. Denn auch der französische Philosoph Voltaire sagte einst: „Die Kunst der Medizin besteht darin, den Kranken solange bei Stimmung zu halten, bis die Natur die Krankheit geheilt hat.“

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