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Kolumne


Hand in Hand

Ein Vorschlag: Wir nehmen uns alle an den Händen und singen das Lied „Der Eiermann“ von Klaus & Klaus. Das kennen Sie doch. Also: „Klingelingeling, klingelingeling, hier kommt…“ Halt. Stopp. Das hört sich nicht gut an. Besser: Wir singen nicht. Stattdessen könnten wir sinnieren. Einfach mal so wohin denken. Uns Gedanken machen, zum Beispiel über den Eiermann. Vor einigen Tagen kam mir auf dem Platz vor meinem Haus ein schmächtiges Männchen
entgegen, das etwas krumm und gebückt von Tür zu Tür lief und dort seine Ware, eben weiße und braune Eier, ablieferte. Man sah es an der Haltung dieses tapfer dahin schrei-tenden Mannes schon aus großer Entfernung, dass er zeitlebens wohl nichts anders gemacht hat, als Eier zu schleppen. 20.000? 40.000? Doch wie lange wird er die Wünsche seiner Kunden auf diese Art noch erfüllen können? Mir kam es in diesem Moment so vor, als ob dieser Mann mit seinem Auto nicht von einem Bauernhof, sondern geradewegs aus der Vergangenheit gekommen ist. Wie lange wird es noch dauern, bis wir mit Flugtaxis zum Supermarkt fliegen und uns die dort gekauften Eier bei Bedarf mit Superdrohnen liefern lassen? Aus der Luft direkt vor die Haustüre.

Zukunftsmusik? Ja, aber wie lange noch? Noch ist es ja nicht soweit. Ich finde: So lange es Menschen gibt, die wie der Eiermann ein Stück Althergebrachtes verkörpern, ist die Welt noch in Ordnung.

Ob der Mann vor meinem Haus auch das ältere Ehepaar beliefert, das zwei Straßen weiter wohnt? Ich kann das Paar bei seinem täglichen Spaziergang über den Platz von meinem Arbeitszimmer aus beobachten.

So oft. Fast jeden Tag. Jedes Mal, wenn ich sie sehe, geht mir das Herz auf. Die alte Frau führt ihren gebrechlichen Mann an der Hand, der gebückt hinter ihr herläuft. Man spürt die Dankbarkeit in seinem schweren Gang. Er macht ganz kleine und ganz langsame Schritte. Er ist ein hilfloser Mann, der doch unendlich behütet ist, an dieser Hand. An der Hand dieser geduldigen Frau. Es ist ein trauriges Bild und doch so voller Liebe. Jeden Tag dreht das Paar seine Runden. In der frischen Luft.

Manchmal muss ich beim Anblick dieses Paares an meinen Vater denken. An seine nun schon alten Hände, die mich einst mit einer Leichtigkeit auf seine Schultern gehoben haben. Damals in meiner Kindheit, bei unseren sonntäglichen Spaziergängen mit der Verwandtschaft. Diese Hände hoben mich bis kurz unter den Himmel. Nie mehr in meinem Leben war ich so groß, wie auf den Schultern meines Vaters. Und ich werde es auch nicht mehr sein. Am größten ist man eben als Kind. Es ist fast so, als ob es gerade einmal ein paar Tage her ist, als wir durch die Wälder gegangen sind. Tage. Keine Jahr-zehnte. Ich vergesse das nicht.

Der Eiermann ist wieder in sein Auto gestiegen. Am nächsten Samstag kommt er bestimmt wieder. Denn am nächsten Samstag wird es noch keine Eierdrohnen geben. Und über-nächsten Samstag auch nicht. Das ist ein beruhigendes Gefühl. Und ebenso schön ist der Gedanke, dass es in Ulm und um Ulm herum Menschen gibt, die sich immer wieder bei der Hand nehmen. Auch dann ist und bleibt die Welt in Ordnung. Denken Sie daran und machen Sie mit. Man muss ja nicht gleich singen.

 

Lieferroboter und Paketdrohnen. Unser Autor Stefan Loeffler ist sicher, dass in Zukunft noch einiges auf uns zukommen  wird. Fortschritt ist eben Fortschritt. Und der hat auch seine guten Seiten: „Ich finde es klasse, dass man nun seit 80 Jahren im „wohin“ blättern kann. Es gefällt mir, dass man die Infos auch über die wohin-App bekommt. So macht Fortschritt Spaß.“

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