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[Wortwechsel] Kolumne


Rückansicht auf Lederhose und blau weiß kariertes Hemd„Der abrupt auftretende Trachten-Hype wirkt gleichsam irritierend und inspirierend auf mich, verführt er doch zu feinherben Charakterstudien.“

Hollereiduljö!

Wiesn, Wasen & Co. laden wieder ein – zu Charakterstudien und geheimnisvollem Rätselraten mit unserer eher unbeteiligten Redakteurin:

O’zapft is! Los geht die freiwillige Vertrachtung, das kollektive Massenschunkeln, das schweißtreibende Mit-Japanern-auf-den-Tischen-hüpfen, das begeisterte Cordula-Grünmega-finden und das individuelle Magenverdrehen aufgrund von Bier- oder Fahrspaß. Bei mir zapft die traditionelle Volksfestzeit vor allem ein Fass voller unbeantworteter Fragen an. Zum Beispiel: Was macht der Schwabentrupp, der gegen 10 Uhr vormittags am Ulmer Bahnhof mit einem vollen Kasten Bier in den Zug steigt (immerhin kostet die Wiesn-Mass dieses Jahr zwischen 10,80 und 11,80), mit der Vorglüh-Bar-To-Go nach Ankunft in München? Das leere Tragerl den ganzen Tag über die Teresienwiese tragerln? Am Bahnhof in ein Schließfach sperren? Einfach irgendwo stehenlassen und aufs Pfand und die Schwabenehre pfeifen? Und: Wie viele Handys, Geldbeutel und Kondomvorräte fliegen wohl in den Fahrgeschäften – auf Nimmerwiedersehen – durch die Luft? Oder wie kommt es, dass nahezu jedes Jahr im Wiesn-Fundbüro ein Gebiss abgegeben wird? Rauferei? Kotzerei? Mit dem Falschen geknutscht? Man will sich die Geschichten hinter solchen Kuriositäten gar nicht immer ausmalen.

Von Trachten und Typen
Ich persönlich ziehe ja einen entspannten Biergartenbesuch jedem Wiesnwasn-Trubel vor und absolviere das Tanzen – obwohl gebürtige Bayerin – lieber zu treibenden Beats als zu Humpftata.
Aber der abrupt auftretende Trachten-Hype wirkt gleichsam irritierend und inspirierend auf mich, verführt er doch zu feinherben Charakterstudien: Da sind zum Einen die „Ur-Viecher“. Ihnen gehört meine volle Sympathie, einfach, weil sie authentisch sind. Quasi in der Krachledernen auf die Welt gekommen, hatten sie als erstes Spielzeug ein Charivari und gehören seit ihrer Geburt einer Blaskapelle an. Knapp dem Aussterben entkommen, erholt sich der Ur-Viecher-Bestand gerade wieder – La Brass Banda & Co. sei dank! Die zweite, jahrzehntelang etablierte Gruppe sind die „Hobby-Traditionalisten“. Sie waren irgendwann mal der Meinung, dass ein gut sortierter Kleiderschrank im süddeutschen Raum auch eine Tracht beherbergen muss. Die Dame trägt bevorzugt Landhaus-Leinen mit Hirschhornknöpfen und Er Trachtenanzug in Filzgrau mit Waldgrün-Applikationen – und vor allem mit Bierernst.

Aufgmaschelt wia a Pfingst-Ochs
Relativ neu hinzugesellt hat sich die Gruppe der „Geissens-Doubles“. Sie holen sich ihr Trachten-Outfit „Made in Faraway“ beim Discounter, Kaffeeröster oder Online-Buchhändler ihres Vertrauens und legen Wert auf viel freiliegende Haut, damit ihre Tattoolandschaft gut zur Geltung kommt. Frau greift gerne zu knackigknappen Damen-Lederhosen und High-Heels, während der Mann seine vermeintliche Originalität durch Fake-Shorts mit Lederhosenaufdruck darstellt (ich vermute, er besitzt auch eine lustige Schürze mit aufgedruckten Brüsten). Ebenso frisch dabei im Trachten-Typen-Trupp: Bild mit Foto und Text zu wohin. Redakteurin Barbara Langdie „Jodel-Hippsters“. Ihr aktuelles Mode-Must-Have ist ein Mini-Dirndl in Bonbon-Pastell oder Grell, das die Fashionista frech mit einem stabilen Paar Sneakers kombiniert. Aus Modezeitschriften weiß sie, dass ein Balconette-BH mehr „Holz vor der Hütten“ herbei trickst und dass der Mann die Hirschlederne im Original „unten ohne“ trägt (Wie geil ist das denn?!). Ob ihr stylisch bebarteter und undergecuteter Mann sich wohl dran hält? Zumindest hängen traditionsgetreue gestrickte Loferl an seinen dezent angedeuteten Wadln … Ach, du schöne Wiesnzeit, mein Lebkuchenherz schlägt so sehr für dich und, ja, auch für das Kaleidoskop deiner Besucher. Trachten-Shaming? No! Bitte ziehen Sie alle an, was Sie wollen – der Herbst ist schließlich auch kunterbunt, und das ist wunderbar!

Barbara Lang

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