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Kolumne


Wenn Du es eilig hast, gehe langsam

Haben Sie auch so Angst? Oder etwas harmloser formuliert: Fühlen Sie sich manchmal auch ein bisschen unsicher? Unbeschützt? In einem Magazin habe ich vor ein paar Tagen gelesen, dass man sich bei bestimmten Gefahren auch ganz gut selbst schützen kann. Man muss eben nur gewisse Grundregeln einhalten. Also zum Beispiel dunkle Gassen und Parks vermeiden. Ach ja, und keine Waffen tragen. Denn diese können Ihnen von möglichen Angreifern abgenommen und gegen Sie selbst gerichtet werden. Stand da. Du lieber Gott. Nun muss ich aber, um kurz bei den Waffen zu bleiben, für Ulm eine Lanze brechen. Mir ist hier noch nie etwas passiert, weder in den nur spärlich befunzelten Ehinger Anlagen noch in dunklen Altstadt-gassen. Ich wurde noch nie in die Donau oder in die Blau geschubst, auch nicht weit nach Einbruch der Dunkelheit. So weit, so gut. Und ich hoffe auch, dass das so bleibt.

Dennoch gibt es bei vollem Tageslicht unsichere Fleckchen in Ulm. Zum Beispiel rund um die Schulen am Kuhberg, wo ich wohne. Orte, die man morgens zwischen 7.30 Uhr und ganz kurz vor Schulläuten weiträumig umfahren sollte. Auch wenn dies im Zuge der breitangelegten Bauarbeiten zur neuen Straßenbahn-Linie 2 nicht unbedingt möglich ist. Steht man erst einmal im Stau zwischen den weißroten Umzäunungen, gibt es kein Entrinnen mehr. Weder vor, noch zurück. Nun gut, das muss ja wohl sein, dennoch freue ich mich in diesem Jahr auf Dezember so sehr wie ich mich als Kind auf Weihnachten gefreut habe. Denn am 9. Dezember sollen die neuen ÖPNV-Züge ja rollen. Und dann ist endlich Schluss mit den behindernden Baustellen.

Doch zurück zu den Schulen, die tagtäglich Ziele für unzählige hastig hetzende Kinder sind, die ihre Schulranzen wie Sturmgepäck auf dem Rücken tragen.  Sie sind Ziele für ein „bisschen“ zu schnell herannahende Autos mit panisch dreinblickenden Müttern und Vätern am Steuer sowie von bedrohlich niedrig kreisenden Helikopter-Eltern, die ihre Kleinen via Seilwinde direkt auf den Schulhof herablassen.

Was für ein Gerenne, was für ein Gehetze. Ich frage mich, nachdem ich mich oftmals mit einem Sprung hinter eine schützende Hecke rette, weshalb es all den Kleinen und Großen jeden Morgen so spät einfällt, dass irgendwo Lehrer und Lehrerinnen ihr Geld verdienen möchten. Ich sehe sie vor mir, all die Mamas und Papas, die sich beim ersten Morgenkaffee gähnend die Augen reiben und mit Blick auf das noch geschlossene Kinderzimmer fragen: „Ja, ist denn schon wieder Schule?“ Ja, es ist. Es ist schlimm, aber wir sind eine durch und durch gehetzte Gesellschaft, die – zumindest morgens – froh ist, wenn sie auf den letzten Drücker irgendwo hinkommt. Wenn ich ehrlich bin, geht es mir oftmals ja nicht anders und ich trete kräftig mit im alltäglichen Hamsterrad.

Ein Tipp: Wenn mich mein Atem wieder einmal überholen möchte, dann denke ich einfach an das Buch des Zeitmanagement-Trainers Lothar J. Seiwert, dessen Titel allein mich schon in ruhigere Bahnen lenkt. Er lautet: „Wenn Du es eilig hast, gehe langsam.“ Ein Wider-spruch, den es sich lohnt zu testen. Meinen Sie nicht? Das einzige, was Ihnen passieren kann, ist – wie der Autor im Vorwort schreibt -, dass Sie sich ärgern, dass Sie da nicht schon vor zehn Jahren darauf gekommen sind. Doch die Antwort steht auch im Buch. Es ist ein chinesisches Sprichwort, das besagt: „Es ist müßig, über vergossene Milch zu klagen.“

In diesem Sinne. Freuen wir uns auf Dezember. Auf die Linie 2 und auf die Weihnachts-ferien. Dann wird es auch am Kuhberg wieder ruhiger. Und das ist ein schönes Gefühl. Mit Sicherheit.

 

Als unser Auto Stefan Loeffler seinen Beitrag schrieb, ist ihm ein weiteres Sprichwort aus China aufgefallen, das ihn ermuntert, im allzu hektischen Alltag hin und wieder in Gedanken zu versinken. Es lautet: „Nur in einem ruhigen Teich spiegelt sich das Licht der Sterne.“

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