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Kolumne


Das Wunder der grünen Blitze

Das Fest der Liebe steht vor der Tür. Deshalb möchte ich Ihnen in der letzten Kolumne des Jahres eine ganz persönliche Weihnachtsgeschichte erzählen. Mit was verbinden Sie die Adventszeit? Doch sicherlich auch mit zauberhaft beleuchteten Marktbuden sowie mit lichterumrankten Tannenbäumen unter einem sternenfunkelnden Himmelszelt.

Doch nicht alles, was blitzt und blinkt ist auch lieblich anzusehen. Das dachte ich mir vor einigen Tagen, als ich in einem Hotelbett lag und hellwach an die Decke starrte. Ich sah Blitze. Kurze grüne Lichtstöße in meinen Augen. Ich rollte mich zur Seite und griff nach meinem Handy. Es war 3.32 Uhr in der Nacht. Was waren das für Blitze? Diese konnten ja nur bedeuten, dass…. Ich wollte gar nicht daran denken. War das eine Netzhautablösung? Davon hatte ich schon gehört. Es blitzte immer an der gleichen Stelle. Ich schmiss mich hin und her, wälzte mich wie eine Waschmaschinentrommel in den fremden Laken herum. Was sollte ich tun, mitten in der Nacht? Wenn die Gedanken allzu schwarz werden, dann sollte man versuchen, sich etwas Schönes vorzustellen. In einem Buch der amerikanischen Angsttherapeutin Margaret Wehrenberg hatte ich einmal gelesen: „Tauschen Sie die negativen Gedanken aus durch einen positiven, wiederholten Gedanken, zum Beispiel ein Zitat, Gedicht oder Gebet.“

Diese Idee begeisterte mich. Ich legte mich wieder auf den Rücken, schloss die Augen und versuchte an etwas Schönes zu denken. Aber an was? Ein Gedicht, ja ein Gedicht wäre gut, zum Beispiel eines über die blühende Natur. Über glühende Sonnenaufgänge. Nur: Ich kannte keines. Oder eines über die Liebe. Auch zu diesem Thema fielen mir keine Reime von Goethe, Schiller oder Hesse ein. Mein letztes Gedicht lernte ich vor ungefähr vier Jahrzehnten in der Schule auswendig und dies auch nur, weil es eine Hausaufgabe war. Weil man dafür Noten bekam. Es war zwecklos. 40 Jahre später lag ich in einem Hotelzimmer und dachte mir: Hätte mir mein Deutschlehrer damals gesagt, dass dieses Gedicht mir Jahre später helfen würde aufkommende Panik zu ersticken, quasi mit einem Jambus zu erwürgen, hätte ich wahrscheinlich Literatur studiert. An die Schule habe ich keine guten Erinnerungen. Doch in meinen Gedanken war ich auf einmal wieder dort. Plötzlich erinnerte ich mich an eine ganz bestimmte Musikstunde in der Grundschule, in der die Noten für das Schuljahr vergeben wurden. Mein Lehrer, Herr Sommer, wusste damals nicht so recht, was er mir für eine mündliche Beurteilung geben sollte. Mit Musik konnte ich nichts anfangen, deshalb meldete ich mich nie zu Wort. In seiner Not zitierte er mich vor die Klasse und ließ mich ein Lied vortragen. Ich! Allein vor einer kichernden Meute. Es war der reinste Horror. Ich frage mich bis heute, wie mich Herr Sommer so blamieren konnte. Heute habe ich keine Scheu mehr vor einem Publikum zu sprechen. Ein Lied würde ich freiwillig jedoch nie anstimmen. Ich singe nämlich so falsch wie Bob Dylan. Wie lauten noch einmal die Zeilen des Liedes „Blowing in the wind“?

Plötzlich wachte ich auf. Trotz meiner anfänglichen Panik war ich noch einmal tief und fest eingeschlafen. Ich war zur Ruhe gekommen. Dabei hatte ich nicht einmal an etwas Schönes gedacht, sondern an Herrn Sommer. Doch das möchte ich in Zukunft unbedingt vermeiden. Deshalb lerne ich gleich zu Beginn des neuen Jahres ein aufmunterndes Gedicht auswendig. Für alle Fälle.


Unser Autor Stefan Loeffler kam bei seiner Weihnachtsgeschichte mit dem Schrecken davon und er weiß nun, dass es sich in jedem Fall lohnt, genauer hinzusehen: „Die Blitze entpuppten sich als völlig harmlos. Sie hatte nichts mit der Netzhaut zu tun, sondern stammten von einem Rauchmelder, der genau über dem Hotelbett angebracht war.“



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