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Kolumne


Perfektionismus unterm Weihnachtsbaum

Die gnadenbringende Weihnachtszeit kann gnadenlos sein: Nämlich dann, wenn es um mehr geht als nur um leuchtende Kinderaugen. Gegen die alljährliche Makellosigkeitsfalle hilft nur eins: Humor und Humanismus!

Eine Kolumne von Barbara Lang

Dieses Jahr habe ich Anfang November (!) die erste Weihnachtskarte bekommen: Ich war entsetzt! Auf den zweiten Blick stellte sich heraus, dass genau das erwünscht und der frühe Zeitpunkt ein spezieller Marketinggag des Versenders war. „Erster“ prangte in dicken, glänzenden Lettern auf der Vorderseite und erinnerte mich hämisch an den bevorstehenden Plätzchenback-Adventskalenderfüll-Geschenkekauf-Weihnachtskartenschreib-Contest, der in Kürze losgehen würde. Es bildete sich eine kleine Schweißperle auf meiner Stirn.

Erledigungsdruck unter Müttern
„Und, hast du schon alles?“ Ich bekomme allergischen Akutausschlag, wenn ich diese Frage vor dem 23.12. abends hören muss! Gerade in einem losen Mütterverband – dem man ja schulbedingt irgendwie angehört, wenn man Nachwuchs hat – gibt es immer mindestens eine Perfektionistin, die familiäre und gesellschaftliche Verpflichtungen stets frühzeitig und vorbildlich erledigt und sich leider auch nicht davon abhalten lässt, regelmäßigen Rapport darüber abzulegen. Da ich nicht so gut bin in Erledigen, fühle ich mich dann immer selbst wie ein Schulmädchen: „Barbara hat das mütterliche Vorweihnachtsziel leider nur mit mangelhafter Leistung erreicht.“ Denn, dass bei uns am ersten Advent ein Teller mit vielerlei selbstgebackenen, hübschen Plätzchensorten auf einem wohlfein dekorierten Tisch prangt, kommt eher selten vor – genau genommen einmal in meiner zwölfjährigen Mutterkarriere. Autsch!

Weihnachtsästhetik á la Pinterest
Schuld an all dem Tamtam ist ja nur unsere weibliche Märchenvorstellung von einem Weihnachten, angesiedelt irgendwo im stilvollen Do-it-yourself-Paradies zwischen Pinterest und Landlust-Magazin: Es soll halt feierlich sein an den Feiertagen – mit sauberem Haus, gutem Essen, schönem Christbaum und leuchtenden Kinderaugen, bitteschön! Dieser Wunsch ist vollkommen legitim. Die Frage ist nur: Bekommt man den nicht auch ohne temporär erhöhtes Herzinfarktrisiko erfüllt? Während wir ohnehin schon das ganze Jahr über alle an „Keinezeiteritis“ leiden, kommt vor Weihnachten noch der Tadellosvirus dazu – mich erwischt er immer auf der Zielgeraden. Nach anfänglich demonstrativer Lässigkeit bricht dann die große Hektik aus, gepaart mit schlechtem Gewissen: wieder nur einmal mit dem Kind gebacken, fast nur Süßies in den Adventskalender gepackt und der Nikolaus hat auch dieses Jahr nur den Sack abgestellt, ohne reinzukommen. Jahr für Jahr versuche ich diese kleinen, aber nagenden Niederlagen mit dem Humor Karl Valentins wegzulachen: „Wenn die stade Zeit vorüber ist, dann wird’s auch wieder ruhiger!“

Pannen schreiben Familiengeschichte
Witz und ein gesunder Mut zur Lücke sind meine lebenserhaltenden Maßnahmen in den letzten Tagen des Jahres. Humor sorgt für einen gesunden Abstand zum Geschehen, und das kann an Weihnachten nicht verkehrt sein. Überlegen Sie nur mal: Welche Feiertagsgeschichten sind bei Ihnen zu Evergreens geworden? In meiner Familie geht’s dabei um Geschenke, die gar nicht erst verschenkt wurden, weil sie unauffindbar waren (Schwester) oder schon an Heiligabend ihren Reiz verloren haben, weil sie falsch ausgesucht (Papa) oder kaputt gemacht wurden (ich). Es geht um Essen, das noch nicht ganz aufgetaut war (Bruder), um leergefutterte Kaufläden (anderer Bruder) und Bauchweh (alle). Nicht zu vergessen, die alljährliche Angst vor einem Feuer (Mama), die sich im unvermeidlichen Wassereimer in der Zimmerecke manifestierte. Kurz: Es sind Pleiten, Pech und Pannen, die Familiengeschichte schreiben. Sie werden zu einzigartigen und authentischen Kindheitserinnerungen. Warum? Weil sie so wunderbar menscheln! In diesem Sinne wünsche ich entspannte, unperfekte Weihnachten.

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