EBNER MEDIA GROUP – Lokale Medien

[Stadtgeschehen]


Collage von zwei Fotos: Edwin Scharff und Helene Ritscher, Siyou Isabelle Ngnoubamdjum und Hellmut Hattler

Liebespaare und andere Paare

Liebe gibt es in vielen Facetten. Was für den einen eine tiefe, gewachsene Liebe ist, empfindet der andere vielleicht als Gewohnheit, weil die Schmetterlinge im Bauch nicht mehr so stark flattern wie zu Beginn. Und auch jedes Liebespaar ist anders, lebt die Liebe eher im Stillen, vielleicht sogar durch gesellschaftliche Umstände gezwungenermaßen heimlich. Andere leben die Liebe extrovertiert und machen aus der Hochzeit ein großes Fest.

Wir stellen stellvertretend einige Paare vor, die in Ulm und Neu-Ulm ihre Spuren hinterlassen haben.

Gedenktafel von Agathe Streicher

Agathe Streicher und Kaspar von Schwenkfeld

Agathe Streicher war die allererste Ärztin in Ulm, die „Jungfrau Agathe Streicherin“, die am 15. März 1561 vom Rat zugelassen wurde. Doch war sie auch die Geliebte von Kaspar von Schwenkfeld? Das wird sich wohl nicht mehr eindeutig feststellen lassen. Sicher ist allerdings, dass die beiden eine tiefe Freundschaft und innige Nähe verband, die bis in den Tod reichte. Denn – eine etwas gruselige Vorstellung – von Schwenkfeld starb nicht nur im Haus von Agathe Streicher, das im Mittelalter auf Höhe der heutigen Neuen Mitte stand. Er wurde sogar in ihrem Keller beerdigt. Das Haus der Ärztin bildete lange Jahre den Mittelpunkt für die Schwenkfeldsche Glaubensgemeinschaft einer evangelikalen Gemeinde. Schwenkfeld musste das protestantische Ulm verlassen und wurde, als er 1561 schwer erkrankte, von Agathe Streicher heimlich nach Ulm geholt, wo er trotz Behandlung verstarb. Agathe Streicher überlebte von Schwenkfeld um 20 Jahre und durch ihren guten Ruf als Ärztin wurde sie sogar bis an den Hof des Kaisers Maximilian II. nach Regensburg gerufen. Eine Stele erinnert heute an Agathe Streichers damaligen Wohnort.

Inge Scholl und Otl Aicher

Unweit von Agathe Streichers Haus wohnte mehrere Jahrhunderte später, ab 1939, Inge Scholl am Münsterplatz 33. Nach der Olgastraße war es die zweite Ulmer Wohnung der Familie Scholl und lag über einem WMF-Geschäft. Nur noch der renovierte Erker erinnert an den im Krieg zerstörten Gebäudekomplex gegenüber vom Münstertor in der Neuen Mitte. Inge Scholl ist die älteste Schwester von Hans und Sophie Scholl. Ihr ist es nicht nur zu verdanken, dass die Weiße Rose nicht in Vergessenheit geriet, gemeinsam mit Otl Aicher tat sie sehr viel für Ulm. Otl Aicher war ein Schulkamerad von Werner Scholl und mit den Scholl-Geschwistern seit 1939 befreundet. Geheiratet haben Inge und Otl allerdings erst im Sommer 1952 – wenige Monate nach dem Erscheinen von Inge Scholls Buch „Die weiße Rose“. Doch nicht erst mit der Heirat waren die beiden ein Paar, das sich gegenseitig stärkte und unterstützte. So hatte Otl Aicher Inge Scholl die Gründung der Ulmer Volkshochschule vorgeschlagen.
Inge Scholl verwirklichte die Idee im April 1946, wurde deren Gründerin und leitete die VH bis 1974. Doch das jung vermählte Paar hatte weitere Ideen und gemeinsam mit Max Bill wurde 1953 die Hochschule für Gestaltung Ulm (HfG) gegründet. Otl Aicher wurde zu einem der prägendsten deutschen Grafikdesigner und zog mit seiner Familie in die Rotismühle bei Leutkirch, die er nach eigenen Ideen ausbaute. Er entwarf u.a. das visuelle Erscheinungsbild der Olympischen Sommerspiele 1972 und erfand die Schrift Rotis. Das rührige Paar hatte fünf gemeinsame Kinder. Die dritte Tochter starb 1975 durch einen Unfall und auch Otl Aicher wird 1991 durch einen Verkehrsunfall aus dem Leben gerissen. „D e r Freund meines Lebens hat mich verlassen“, schrieb Inge Scholl in der Rotis-Chronik.

Schwarz-weißes Foto der Trauung

Inge Scholl und Otl Aicher werden am 7. Juni 1952 in der Sankt Anna-Kirche in München
getraut. Foto: Familie Hedwig Maeser, Ulm

Edwin Scharff und Helene Ritscher

Der Kunst hatte sich auch der im März 1887 in Neu-Ulm geborene Edwin Scharff verschrieben. Seine weltoffene Mutter erkannte früh sein Talent und ermöglichte es dem 15-Jährigen, ein Kunststudium in München zu beginnen. Die anfängliche Leidenschaft zur Malerei wandelte sich und ab 1912 entstanden vermehrt Skulpturen und Bronzeporträts. Im Sommer 1919 heiratete Edwin Scharff Helene Ritscher, die auch Ilona genannt wurde. Sie war eine junge Schauspielerin am Staatstheater
München und entstammt einer jüdischen Familie in Ungarn. Wie Scharff entdeckte sie früh die Kunst für sich und ging als 18-Jährige nach Wien, um Musik und Schauspiel zu studieren. Bald darauf trat sie am Wiener Burgtheater auf. Ihre jüdische Abstammung wurde dem Paar im Dritten Reich zum Problem. Scharff verlor seine Berliner Professur und wurde nach Düsseldorf zwangsversetzt, enthielt schließlich ein Arbeitsverbot. 1937 wurden Werke von ihm in der Ausstellung „Entartete Kunst“ dem Hohn ausgesetzt und kurz vor Kriegsende wurden Gipsmodelle vernichtet, die er heimlich geschaffen hatte. In Neu-Ulm selbst haben die beiden nie gelebt, aber dennoch ihre Spuren hinterlassen. Derzeit ist die 1918 entstandene Bronzeplastik „Sitzende Frau“ in der Ausstellung zu Edwin Scharff im Edwin Scharff Museum zu sehen. In dieser hatte Edwin Scharff seine Frau Helene Ritscher für die Nachwelt festgehalten. Helene Ritscher diente ihrem Mann mehrfach als Muse, wie mehrere von ihm angefertigte Skizzen zeigen. Helene Ritscher stand Scharff auch für den Film „Schaffende Hände“ von 1927 Modell. Der Stummfilm zeigt, wie ein Bildhauer ein Portrait seiner Frau erschafft.

Liebeschlösser an einem Zaun in Herzform

Siyou Isabelle Ngnoubamdjum und Hellmut Hattler

Obwohl beide Vollblutmusiker und Künstler sind und in Ulm leben, haben sie sich nicht über die Kunst sondern über die Politik kennengelernt.
Beide waren 1999 auf der Liste der Grünen zur Gemeinderatswahl in Ulm. Die politische Laufbahn haben sie langfristig nicht eingeschlagen, aber sie sind zu einem Paar geworden, das sich gegenseitig ergänzt und musikalisch wie menschlich inspiriert und respektiert. Aus einem ursprünglichen Spaßprojekt, der gemeinsamen Band Siyou‘n‘Hell, ist eine ernstzunehmende musikalische Verbindung mit bereits drei veröffentlichten CDs entstanden. Gospelqueen Siyou, mit ihrer unnachahmlichen Stimme, trifft dabei auf einen der besten deutschen Bassisten, der mit KRAAN, TAB TWO und HATTLER Musikgeschichte schrieb. Neben weiteren gemeinsamen musikalischen Schnittstellen, pflegt jeder weiterhin seine eigenen Projekte. Doch die Musik verbindet, ist ihre Art der Kommunikation und gibt beiden auch als Paar Inspiration und Kraft. Diese haben sie vor zwei Jahren, als Hellmut Hattler lebensbedrohend erkrankte, dringend gebraucht. Gemeinsam haben sie diesen Tiefpunkt gemeistert. Sehen kann man sie als Duo SIYOU‘n‘HELL übrigens noch in diesem Jahr. In der Kulturnacht am 21. September im Edwin-Scharff-Museum in Neu-Ulm. Ja, man könnte unendlich weiter machen… Ob mit Schauspielerin Tini Prüfert und dem ehemaligen Theaterintendant Andreas von Studnitz, die ihre Beziehung allerdings lieber privat halten, ob mit Uli Hoeneß, der mit Ehefrau Susi seit Schulsprechertagen gemeinsam durch Höhen und Tiefen geht oder unserem Oberbürgermeister a. D. Ivo Gönner, der mit der Journalistin Susanne Schwarzkopf-Gönner seit Jahrzehnten verheiratet ist. In Ulm und Neu-Ulm lässt es sich eben nicht nur gut leben, sondern auch lieben.


Text: Elvira Lauscher

zurück