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[Stadtgeschehen]


Was ist eigentlich gutes Spielzeug?

Kurz vor dem Fest fragen sich das bestimmt einige Weihnachtsmänner und Christkinder unter den Eltern, Paten und Großeltern. Bei der Antwortsuche werden sie bald über das runde, orangefarbene Siegel mit dem Aufdruck „spiel gut“ stolpern. Und das ist – was Viele nicht wissen – ein echter Ulmer!

Das Ziel war hehr, als sich 1954 der „Arbeitsausschuß Kinderspiel + Spielzeug e.V.“ in Ulm gründete. Zunächst ging es nur darum, die Ausstellung „Gutes Spielzeug“ im Ulmer Museum und als Wanderausstellung zu organisieren. Doch der Ausstellungstitel wurde selbst gewählter Arbeitsauftrag – und ist es bis heute geblieben: Der ehrenamtliche Zusammenschluss von Pädagogen, Psychologen, Medizinern, Künstlern und Architekten hatte sich gegründet, um den Spielwarenherstellern zu zeigen, was aus praktischer, wissenschaftlicher und künstlerischer Sicht wirklich gutes Spielzeug ausmacht. Allein: Die Hersteller wollten nichts davon wissen. Zunächst …

Mit der HfG im Bunde
Es waren zwei namhafte Dozenten der Ulmer Hochschule für Gestaltung (HfG) – Grafikdesigner Otl Aicher und Architekt Max Bill – die „spiel gut“ mit auf den Weg brachten: Otl Aicher konzipierte mit seinem HfG-Kurs die Ausstellung und Max Bill kreierte das orangefarbene „spiel gut“-Siegel, mit dem der Verein bis heute gute Spielsachen kennzeichnet. Logisch, dass das Design von jeher eine große Rolle bei den Bewertungskriterien innehatte: „Spielzeug entwickelt das kindliche Empfinden für ästhetische Formen, harmonische Farben und schöne Gestaltung. Spielzeug in vereinfachter Form lässt Kinder das Wesentliche erkennen. Ein Spielzeug mit gutem Design erklärt sich in seiner Funktion von selbst“, so der Verein.

Einfach statt „reizend“
Hochwertiges Material, einfache Formen, klare Farben – das ist die gestalterische Grundlage für gutes Spielzeug, wenn es die kindliche Fantasie und ein vielseitiges Spiel anregen soll, statt mit sinnlicher Reizüberflutung zu überfordern. Und was braucht es noch? Damals spielten z.B. noch unausgefeilte Sicherheitsaspekte wie scharfe Metallkanten oder leicht entzündliches Zelluloid eine Rolle, ansonsten geht es vor allem um den Spielwert. Den testen für „spiel gut“ die wirklichen Fachleute, nämlich die Kleinen: Seit 65 Jahren wird jedes Testspielzeug auch in Familien oder Kindergruppen auf Herz und Nieren bzw. auf Spiel und Spaß geprüft – mittlerweile sind es etwa 600 pro Jahr.

War damals nicht alles besser?
Teddybären, Holzbausteine, Spieldosen, Kreisel, Blechautos – aus heutiger Sicht wirken Spielsachen aus den 50er-, 60er-Jahren so hübsch nostalgisch und harmlos im Vergleich zur digitalisierten „Fortnite“-Realität vieler jetziger Familien. Was hatten die Ausschussmitglieder da überhaupt zu bemängeln? Ein Blick zurück: 1954 war das Jahr des „Wunders von Bern“, Deutschland war noch kriegsgezeichnet, aber bereits im Aufschwung. Tipp-Kick erlebte durch den WM-Sieg seinen großen Durchbruch, erste Plastik-Spielsachen eroberten die Kinderzimmer, in denen sich ansonsten oben genannter Mix und vielleicht eine Dampfmaschine, ein Kaufmannsladen oder eine kleine Eisenbahn tummelten. Aber natürlich gab es auch Panzer, Spielzeugpistolen, Ritter-, Cowboy- und Indianer-Figuren, mit denen Schlachten nachgestellt wurden. Ingetraud Palm-Walter vom Arbeitsausschuss weiß es genauer: „Es war auch die Zeit, in der erste automatisierte Spielsachen aufkamen. Aufziehspielzeug wie das Äffchen, das mit seinen Händen zwei Schellen vor sich zusammenschlägt, machte Kinder zu passiven Zuschauern.“ So etwas sieht man bis heute kritisch, denn Spiel soll etwas Aktives sein.

Fernsteuerung, App & Co.
Dennoch verteufeln die Spielzeugexperten nicht einfach alles, was automatisiert oder digital ist. „Es kommt darauf an, ob solche Funktionen und Möglichkeiten für die Kinder einen Mehrwert bringen“, betont Ingetraud Palm-Walter. „Die Frage ist immer: Aktiviert oder bremst es die Initiative der Kinder? Vielleicht hat es ja eine andere Qualität: Häufig schult es das technische Verständnis, die Feinmotorik, die kognitive Leistung oder macht ein Spiel erweiterbar und damit länger spielbar, dann ist das für uns okay.“ Und wie sieht es mit reinen PC-Games und Spiele-Apps aus? „Wir haben überlegt, ob wir sie in unser Testverfahren aufnehmen sollen, uns dann aber dagegen entschieden. Dafür bräuchten wir zusätzliche Leute und ganz andere Kriterien“, erklärt Ingetraud Palm-Walter. So bleibt „spiel gut“ also vorerst eine handverlesene und handgeprüfte Auszeichnung für Analoges. Und obwohl sich Spielzeugproduzenten anfänglich heftig gegen die Sortierung in „empfehlenswert“ und „nicht empfehlenswert“ sträubten, ist das Ulmer Siegel längst als Qualitätsprädikat bekannt und gefragt!

Text: Barbara Lang
Fotos: spiel gut

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