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Elvira Lauscher und Kay Metzger am Tisch 1[Stadtgesichter] Interview


„Wir wollen Stadttheater für die Bürger machen“

Mehr als hundert Inszenierungen sowohl im Schauspiel als auch im Musiktheater hat Kay Metzger schon gemacht – einschließlich Wagners kompletten Ring. Seit dieser Spielzeit hat er seine dritte Intendanz hier in Ulm übernommen und viel vor.

 

Sind Sie schon in Ulm angekommen?

Kay Metzger: Ja, ich bin in Ulm angekommen. (lacht) Ich glaube, das bleibt bei einem solchen Amt nicht aus. Es bleibt einem nichts anderes übrig.

 

Was gefällt Ihnen bisher am Theater Ulm?

Kay Metzger: Mir gefällt die Mannschaft, die hier tätig ist. Es herrscht ein guter Teamgeist und man spürt, dass das Theater in der Stadt einen ganz großen Stellenwert hat und auch Stadtgespräch ist. Das ist natürlich eine wunderbare Voraussetzung für die Theaterarbeit.

 

Wie haben Sie die Übergabe durch Andreas von Studnitz empfunden?

Kay Metzger: Sehr gut. Er hat mir wirklich die Türen aufgemacht und mich unterstützt, wo er konnte. Wir haben uns oft hier in dem Büro in lockerer Atmosphäre getroffen, Kaffee getrunken und mit viel Humor ein gutes Miteinander gehabt.

 

Ihr Vorgänger war ja zunehmend auch auf der Bühne zu sehen. Haben Sie ähnliche Ambitionen?

Kay Metzger: Nein, ich bin kein Darsteller. Andreas von Studnitz ist ja gelernter Schau-spieler und Regisseur. Ich bin Regisseur von Haus aus und von daher wird man mich nicht auf der Bühne sehen.

 

Elvira Lauscher und Kay Metzger am Tisch 2

Ihr Auftakt in Ulm mit der unbekannteren Oper „Das schlaue Füchslein“ von Leoš Janáček war mutig und hat Ihnen auch in der Inszenierung viel Achtung und Lob eingebracht. Warum gerade diese Oper?

Kay Metzger: Also ich finde, man kann eine Intendanz nicht mit einem Repertoire-schlager wie „Tosca“ oder „Figaros Hochzeit“ beginnen. Man muss schon ein Zeichen setzen und „Das schlaue Füchslein“ ist für mich poetisches Welttheater, für Jung und Alt. Daher habe ich versucht, das in der Inszenierung so zu machen, dass es eben auch für jüngeres Publikum rezipierbar ist.

 

Mit beteiligt waren beim Füchslein auch Kinder der Ballettschule des Theaters Ulm und der Ulmer Spatzen Chor. Ist das auch ein Zeichen für Ihre zukünftige Intendanz, junge Menschen zu integrieren und harmonisches Familientheater zu machen?

Kay Metzger: Nein, harmonisches Familientheater ist, glaube ich, eine unzutreffende Bezeichnung. Mir ist Vernetzung wichtig. Ich fand es sehr schön, dass es mit den Ulmer Spatzen geklappt hat. Es hat auch viel Freude gemacht, mit diesen jungen Menschen zu arbeiten. Dazu haben wir eine ganz tolle, große Ballettschule am Theater Ulm und da ist es mir, aber auch Ballettdirektor Reiner Feistel, ganz wichtig, dass wir sie auch mit ins Große Haus nehmen, so dass sie an den Theaterbetrieb angedockt werden und nicht nur als ein Satellit um das Theater kreisen. Dazu wollen wir immer wieder aus dem heiligen Tempel rausgehen, auf die Menschen zugehen und schauen, wo wir uns positionieren können in dieser Stadt.

 

Wie wollen Sie künftig junge Menschen für Kultur und das Ulmer Theater begeistern?

Kay Metzger: Da muss man hartnäckig sein. Ich habe zwei hoch engagierte Theaterpäda-gogen am Haus und wir haben seit dieser Spielzeit einen Tanzpädagogen. Das heißt, der Kontakt zu den Schulen, zu den Bildungseinrichtungen, den Kindergärten ist sehr intensiv. Ja, wir müssen ganz früh hartnäckig das junge Publikum sensibilisieren für die Theater-kunst, damit es nachhaltig bleibt. Mir ist es auch wichtig, dass die Jugendlichen und Kinder sich hier mit der Spielstätte identifizieren, also auch wirklich das Theater in seiner Architektur und seiner Größe erleben zu können, um ein Gefühl dafür zu bekommen.

 

Eines Ihrer Ziele, mit denen Sie sich für Ulm beworben haben, war Wagners „Ring des Nibelungen“ auf die Bühne zu bringen. Wie realistisch ist der Start 2020?

Kay Metzger: Wenn man so etwas macht, dann braucht man viele Fremdmittel. Und diese zu rekrutieren, Großunternehmer zu begeistern für ein Projekt, das braucht Zeit. Da muss man sich erst Mal kennenlernen, es muss Vertrauen wachsen.

 

Elvira Lauscher und Kay Metzger im Stehen

Für Sie persönlich ist es aber wichtig?

Kay Metzger: Nun gut, ich habe ihn ja schon mal inszeniert. Ich muss es nicht unbedingt zwei Mal machen. Ich habe in Detmold aber die Erfahrung gemacht, dass gerade dieses Projekt ein Haus unglaublich adelt. Die Außenwahr-nehmung, überregional aber auch in der Region selbst, ist plötzlich eine ganz andere. Da entsteht ein unglaublicher Respekt vor so einer Bühne und ich weiß noch, beim ersten Ring-Zyklus in Detmold war ungefähr die Hälfte der Besucher von Außerhalb, also unter anderem aus Japan, aus Schweden, aus Holland. Das ist natürlich bestes Marketing für ein Haus, wenn man das schafft.

 

 

Woher kommt Ihre persönliche Faszination für Wagner?

Kay Metzger: Ja, ich habe mit 14 Jahren meinen ersten Lohengrin gesehen im National-theater Mannheim. Man hat damals dort ein sehr großes Wagner-Repertoire gehabt. Die haben immer vom „Holländer“ bis zum „Parzival“ alle Stücke im Spielplan drin gehabt und da habe ich viel gesehen. Da ist die Leidenschaft gewachsen.

 

 

Wie unterscheidet sich für Sie die Musik von Wagner von der von anderen Komponisten?

Kay Metzger: Er hat spannende Stoffe, die viele Deutungen zulassen. Für einen Regisseur immer eine schöne Baustelle. Und natürlich sind da seine Klangwelten. Manche sagen ja, dass er durchaus auch Türen aufgestoßen hat mit seinen harmonischen Kühnheiten. Die Bedeutung des Orchesters, der Farbenreichtum der Instrumentation, auch dieses große Formbewusstsein und die musikalischen Strukturen, das war prägend und hat auch das Musiktheater in Gänze weiterentwickelt in Richtung Richard Strauß bis hin zur Moderne.

 

 

Für die Wilhelmsburg steht im nächsten Jahr „Evita“ an. Ihr Traum war ursprünglich das Musical „Les Misérables“.

Kay Metzger: Les Mis wäre ein ganz tolles Musical, gerade auf der Wilhelmsburg. Es ist allerdings unglaublich schwierig mit den Rechten und bei einem Musical dieser Bauart gibt es unglaublich viele Auflagen seitens des Verlages und der Urheber, was Besetzung und Bühnenbildgestaltung anbelangt. Das wird man in der Wilhelmsburg nicht alles so umsetzen können, wie man das in einem Indoor-Theater machen könnte. Ich finde, es ist eines der besten Musicals überhaupt und diese Geschichte in der Härte der Wilhelmsburg – das würde wirklich, wirklich gut passen. Aber mal schauen. Evita passt auch gut rein.

 

 

Ein Schauspiel ist nicht geplant?

Kay Metzger: Nein. Ich würde bei der Musical- und Musikschiene bleiben. Zum einen war es sehr kostenintensiv, innerhalb einer Saison von einem Bühnenbild ins andere umzu-bauen und zum anderen hat sich auch gezeigt, dass die Schauspiele nicht so eindeutig die Breite des Publikums erreichen. Die Wilhelmsburg muss viel Publikum bringen. Es ist unheimlich teuer, alles aufzubauen, die Tribüne und so, dass ich da gerne auf die sicheren und auch in ihrer effektvollen Bauart konstruierten Musicals setze.

 

 

Elvira Lauscher und Kay Metzger am Tisch 3

Wollen Sie den Zweijahresrhythmus für die Wilhelmsburg beibehalten?

Kay Metzger: Jährlich kann man das nicht machen, da müsste man eine richtige Tribüne installieren, die dauerhaft bleibt. Die Wilhelmsburg soll ja auch andere Nutzungen haben, es ist sehr viel in Bewegung.

 

 

Welche Visionen und Träume haben Sie für Ihre Intendanz hier in Ulm?

Kay Metzger: Die Vision ist, dass wir alle drei Sparten gut aufgestellt behalten. Es hat mich sehr gefreut, dass die neue Ballettkompanie unter Reiner Feistel so eingeschlagen hat. Und ja, dass wir auch strukturell das Theater voranbringen. Es gibt durchaus da und dort interne Baustellen wie beispielsweise ein Dispositionsprogramm. Das wird hier noch mit Excel-Tabellen gemacht. Ich glaube, man kann das Theater noch ein bisschen moderner aufstellen. Und das muss man Schritt für Schritt machen. Mein Ziel ist, wenn ich hier mal das Haus verlasse, dass man wirklich an einigen Ecken merkt, dass man was verbessern konnte.

 

 

Welche Fähigkeiten zeichnen einen Intendanten aus?

Kay Metzger: Das ist sehr unterschiedlich. Ich bin ein Intendant, der auch inszeniert, so wie meine Vorgänger, Andreas von Studnitz und Ansgar Haag. Da ist es wichtig, dass man es kann, gut kann. Und man muss ein guter Kommunikator im Theater sein und nach außen für das Haus einstehen. Man ist der oberste Repräsentant.

 

 

Und welche Eigenschaft davon ist bei Ihnen am stärksten ausgeprägt?

Kay Metzger: Ich glaube schon, dass ich ein gutes Händchen habe, Menschen mitzu-nehmen und zu begeistern. Und natürlich muss ich gut wirtschaften. Da habe ich Frau Weißhardt an meiner Seite, die das ganz toll macht. Wir sind auch ein gutes Tandem geworden in kürzester Zeit. Man ist als Intendant nicht einer, der im Kämmerlein einsame Entscheidungen trifft, sondern man hat seine Spartenleiter, man hat die Leitungsebene insgesamt. Da versucht man gemeinsam das Beste für das Theater zu formen und rauszuholen. Und das ist bis jetzt auf einem sehr guten Weg. Das macht viel Freude.

 

 

Sie haben Ihr Studium der Theaterwissenschaften in München nicht abgeschlossen, aber trotzdem viel erreicht. 

Kay Metzger: Wissen Sie, wer schuld war? Der August Everding, Generalintendant von den Bayerischen Staatstheatern in München. Ein großer Regisseur, der auch in München als Gastdozent doziert hat. Er hat eine Aufführung von mir mit Studenten und Schau-spielschülern gesehen und dann gesagt, ich müsse in die Praxis, an die Bühne. Er hat mir auch einige Wege eröffnet. Wenn man jung ist und fürs Theater brennt, dann nimmt man das an und macht das.

 

 

Einem jungen Menschen würden Sie so etwas wahrscheinlich nicht raten?

Kay Metzger: Wenn meine Tochter jetzt käme und sagen würde, ich will das abbrechen, dann würde ich – glaube ich – anders reagieren. Ich bin froh, dass meine Eltern das damals mitgemacht haben. Ich hab mal zwischendurch gedacht, es wäre vielleicht doch gut gewesen, wenn ich es fertig gemacht hätte. Aber ich weiß auch nicht, ob ich dann die Position bekommen hätte. Es ist wie es ist. Ich kann mich nicht beklagen.

 

 

Gemälde 2

Gemälde 1

Aber Ihre Tochter ist nicht in Ihrem Themenbereich tätig?

Kay Metzger: Nein, die macht was anderes. Sie geht gerne ins Theater und sie schaut auch mit Spannung zu, was ich manchmal so treibe, aber selber möchte sie es nicht machen. Ich will sie auch gar nicht da hindrängen. Sie ist jetzt 25, jetzt geht es eh nicht mehr.

 

 

Haben Sie in Ulm schon Ihr Lieblingsplätzchen gefunden, wo Sie sich am besten entspannen können?

Kay Metzger: Wenn ich ehrlich bin, nicht in Ulm, sondern in Lonsee. Es ist eigentlich kein Plätzchen, sondern eher eine Strecke. Ich habe da – total nah an meiner Wohnung – eine wunderbare Laufstrecke von vier Kilometern, wo ich dann hin und wieder Energien ab- oder aufbaue.

 

 

Vielen Dank für Ihre Zeit und das Interview.

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