EBNER MEDIA GROUP – Lokale Medien

Stadtgesichter


Bürgschaften für die Ulmer Verwandten

Ulm bekommt ein Albert-Einstein-Museum im Haus „Engländer“ am Weinhof. 2022 könnte es eröffnet werden. Ingo Bergmann, früherer Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit in Ulm, ist seit Oktober der verantwortliche wissenschaftliche Leiter und Koordinator für die Entwicklung des Museumskonzepts. Seit rund 100 Tagen ist er im Amt. Zeit, ihn mal zu seinem Museumsprojekt zu befragen.

Ulm und Einstein – das Verhältnis galt doch lange allgemein als „höflich unterkühlt“. Einstein, der berühmte Physiker aus Princeton wolle mit seiner Heimatstadt nichts zu tun haben, heißt es. Wie kommt es nun, dass Ulm trotzdem ein Einstein-Museum gründet?
Bergmann: Die Entwicklung dahin ist tatsächlich ein längerer Prozess gewesen. Es gab in den 70er Jahren eine Publikation zum 100. Geburtstag Einsteins. Es gab eine große Ausstellung im Stadthaus 2004 – bis heute die erfolgreichste in der Stadthausgeschichte. Das Thema Einstein ist danach immer wieder mal aufgetaucht. Wir haben Nachfahren kennen gelernt. Freundschaften sind entstanden. Und so erhielten wir langsam Zugang zu einem anderen, weniger bekannten Einstein, der Physiker, der sich um seine in Deutschland verbliebene Familie kümmerte. Aber das ganze Projekt stand immer unter dem Vorbehalt: Einstein war nur 15 Monate hier, ist mit seinen Eltern schnell weggezogen. Zwar gab es bis ins Jahr ´33 zwischen ihm und der Stadt Ulm Schriftwechsel, in dem ihm zum Geburtstag oder zum Nobelpreis gratuliert wurde. Nach ´33 wollte man ihn in Ulm vergessen machen. Sogar Straßenschilder, die seinen Namen trugen, wurden ausgetauscht. Später hieß es dann schnell, der berühmte Physiker Einstein wolle nichts mit Ulm zu tun haben. Man vergaß nur zu erwähnen, warum.

Kam Einstein nach ´45 noch mal nach Ulm?
Bergmann: Für Einstein war es nicht denkbar, nach dem II. Weltkrieg nach Ulm zurückzukommen, gar öffentlich aufzutreten oder eine Ehrenbürgerwürde entgegen zu nehmen. Dennoch war er mit seiner Heimatstadt indirekt verbunden, über seine weitverzweigte Familie in Ulm, mit der er auch vor und während der Nazi-Zeit intensiven Kontakt hielt, wie wir aus Archivfunden wissen. Einstein setzte alles daran, seine Familie aus Nazi-Deutschland herauszuholen.

Und wie muss man sich das vorstellen?
Bergmann: Albert Einstein half ihnen mit sogenannten „Affidavits of Support“, also Bürgschaften, für die Auswanderungswilligen finanziell einzustehen, wenn sie in ihrer neuen Heimat ankamen. Die Schwierigkeit war, ein Aufnahmeland zu finden. Daher die Affidavits. Aus einem Brief wissen wir, dass Einstein im Jahr 1938 einen Großteil seiner Einkünfte für die Rettung von Verwandten ausgab. Und es funktionierte.

Haben Sie ein Beispiel?
Ja. Die Familie seiner Großcousine Anneliese Hirsch aus Ulm wurde so gerettet. Anneliese reiste im August 1939 über Le Havre an Bord eines Schiffes nach New York. Ein Affidavit von Einstein im Gepäck. Ihre Eltern entkamen auf abenteuerliche Weise mit der transsibirischen Eisenbahn durch die Sowjetunion, die Mandschurei, Korea, Japan und schließlich per Schiff nach San Francisco. Ihr Bruder Moritz, einer der letzten Juden in Ulm, hatte 1943 schon den Deportationsbescheid für Ausschwitz erhalten. Er überlebte schließlich, weil er behauptete Amerikaner zu sein. Sein Großvater war 1870 bereits in die USA ausgewandert, später aber wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Die Gestapo stand vor der Entscheidung: Statt ins KZ wurde Moritz Hirsch in ein Gefangenenlager für amerikanische Soldaten gebracht und später mit anderen gegen deutsche Kriegsgefangene ausgetauscht. Die Amerikaner bemerkten natürlich den Betrug, schickten ihn aber nicht zurück, sondern in ein Displaced-Persons-Lager (Flüchtlingslager) in Algerien, wo er seine spätere Frau kennen lernte. Aus einem Brief Einsteins an den Vater, Leopold Hirsch, geht hervor, dass Albert Einstein gerne ein Affidavit für seinen Großcousin abgab. Wörtlich schrieb: „Ich freue mich sehr über die Rettung, die wirklich ein Wunder ist.“

Was davon wird man im künftigen Museum sehen können?
Bergmann: Einsteins Relativitätstheorie ist eher ein Randthema. Das bisherige Museumskonzept sieht drei Schwerpunkte: Einstein und seine Ehefrau Elsa (deren Großvater in Ulm gelebt hat), Einstein und seine Verwandtschaft im Großraum Ulm sowie die Geschichte der jüdischen Gemeinde im Ulm des 19. und 20. Jahrhunderts. Wir erzählen also eine Gesellschaftsgeschichte Ulms. Das ist die Arbeit, die als nächstes ansteht.

200 Quadratmeter Ausstellungsfläche – das ist wenig Platz, um ein so komplexes Thema dazustellen, oder?
Bergmann: Ja, wir wollen mit unterschiedlichsten Inszenierungen und Museumstechnologien arbeiten. Mit nicht zu vielen Informationen. Schließlich wollen wir die Besucher auch nicht überfordern, ihnen aber trotzdem die Möglichkeit lassen, in verschiedene Detailtiefen einzutauchen. Schließlich müssen wir auch beachten, dass wir verschiedene Besuchergruppen haben. Jüdische Besucher haben vielleicht einen anderen Zugang zu dem Thema als Touristen oder Schulklassen. Daran arbeiten wir.

Welche Reaktionen zu dem geplanten Museum gab es denn bisher?
Bergmann: Stadt und Gemeinderat unterstützen uns in vollem Umfang. Unser bisheriges Grobkonzept hat viele Leute abgeholt. Es ist ja kein Marketingthema, sondern eine ehrliche Auseinandersetzung mit einem Thema, das für Ulm nicht ganz leicht ist und nicht immer ein Ruhmesblatt war.


Interview: Uwe Kampen
Foto: Peter Wolter

zurück