EBNER MEDIA GROUP – Lokale Medien

[Stadtgesichter] Interview


„Ich bin ein beliebtes Fotomotiv“Blick vom Turm des Münsters auf das Stadthaus

Das Ulmer Stadthaus gehörte einst zu den umstrittensten Gebäuden in Ulm. Inzwischen ist der weiße Bau des New Yorker Stararchitekten Richard Meier nicht mehr wegzudenken. Am 12. November 1993 wurde das Stadthaus nach eineinhalb Jahren Bauzeit von Bürgermeister Ivo Gönner im Beisein von Richard Meier eröffnet. Elvira Lauscher von der wohin.-Redaktion bat das Stadthaus um ein Interview.

 

Wie haben Sie das letzte Jahr, das ganz im Zeichen des 25. Jubiläums stand, verkraftet?

Stadthaus: Oh, gut. Danke der Nachfrage. Es war eigentlich ein Jahr wie immer. Ich öffne einfach nur meine Türen – die Arbeit und die Vorbereitungen haben ja die anderen.

 

Können Sie sich noch an die Eröffnung vor 25 Jahren erinnern?

Stadthaus: Es ist schon viel verblasst. In den letzten Jahren war ja immer viel los. In meinen Räumen und auch auf dem Münsterplatz. Ich weiß aber noch, dass es sehr aufregend war, so viele Menschen auf einmal auf meinem Vorplatz zu sehen.

Werbebanner für Lichte Momente

25 Jahre sind eine lange Zeit. Fühlen Sie sich ein bisschen erwachsener, gereifter?

Stadthaus: Natürlich gehen auch an mir die Spuren der Zeit nicht vorüber, aber ich bin jetzt im besten Alter und kann mich nicht beschweren. Ich empfinde mich als sehr lebendig und agil. Sogar die Bienen mögen mich und produzieren fleißig den leckeren Stadthaus-Honig. Ich denke, ich bin inzwischen wirklich in Ulm angekommen.

 

Gab es Höhepunkte in dieser Zeit?

Stadthaus: Ja, natürlich. So viele, dass ich gar nicht alle aufzählen kann. Etwas Besonderes sind immer die ersten Male. Der erste Weihnachtsmarkt mit seinen bunten Lichtern und der besonderen Stimmung, die auch auf mich abgefärbt hat, hat mich schon beeindruckt. Oder das erste Konzert auf dem Münsterplatz. Da spüre ich die Vibrationen in meinen Wänden und beobachte erstaunt die Begeisterung der Menschen und ihre Ausdauer im Jubeln und auch im Stehen. Es gab sehr viele interessante Veranstaltungen, Lesungen, Konzerte, Ballettaufführungen und sehr intensive Ausstellungen.

 

Westseite des Ulmer Münsters, rechts das Stadthaus

Denken Sie an eine bestimmte?

Stadthaus: Ich erinnere mich daran, dass viele Ulmer von der Ausstellung „Die Mörder sind unter uns“ vor etwa zehn Jahren sehr berührt waren. Viele wussten nichts vom Ulmer Einsatzgruppen-Prozess 1958 und auch nicht davon, dass Mörder von einst nach dem Krieg als normale Bürger in unserer Stadt weiterlebten. (macht eine Pause) Es ist schön zu beobachten, wenn man Räume zur Verfügung stellen kann, die etwas bewirken, Menschen nachdenklich machen oder sie zur Ruhe kommen lassen. Ich glaube, dass meine Offenheit und Helligkeit etwas damit zu tun haben. So wird Vieles, was in mir passiert, zu einem Erlebnis, auch wenn mir in manchen Dingen die Zweckmäßigkeit abgesprochen wird. Ich bin eben ein Kunstwerk, ein architektonisches Kunstwerk.

 

Diese Liebe zu Ihrer Architektur war ja nicht von Anfang an gegeben. Es sah kurzzeitig sogar so aus, als ob dieses Haus gar nicht gebaut werden sollte.

Stadthaus: Ja, das ist mir bewusst. Es ist nicht einfach, wenn man merkt, dass viele Ulmer einen eigentlich gar nicht wollen. (nachdenklich) Aber inzwischen hat sich das geändert. Die Bevölkerung hat sich mit mir angefreundet und die Touristen sind sowieso von mir angetan. Ich bin ein beliebtes Fotomotiv. (überlegt kurz) Wollen Sie mich eigentlich nicht duzen? Das macht man doch unter Freunden so, oder nicht?

 

Ja, gerne. Hast du denn unter dieser Ablehnung gelitten?

Stadthaus: Wahrscheinlich schon. Aber ich hatte gar nicht so viel Zeit, darüber nachzudenken. Mir ist es wichtig, dass es jetzt anders ist. Ein Gebäude lädt sich ja mit der Energie auf, die ihm entgegen gebracht wird.

 

Ist das so?

Stadthaus: Denk nur einmal an die Kirchen, wie das Ulmer Münster in meiner Nachbarschaft. Man spürt doch, dass hier eine besondere Atmosphäre herrscht. So habe ich es jedenfalls immer wieder von Besuchern gehört. Von daher glaube ich, dass die etwa vier Millionen Stadthausgäste in den letzten 25 Jahren auch bei mir Spuren hinterlassen haben.

 

Ist es für dich dann ein schöner Gedanke, dass bis 1879 ein Barfüßerkloster auf deinem Grund stand?

Stadthaus: Mit diesem geistlichen Untergrund kann ich gut leben. Und so freue ich mich, dass es zu den Funden der Ausgrabungen in meinen Kellerräumen eine Ausstellung gibt.

Münster, eine Bühne und Zuschauer

Könntest du dir einen anderen Platz vorstellen, an dem du gerne stehen würdest?

Stadthaus: Der Gedanke ist jetzt etwas befremdlich für mich. (denkt nach) Ich habe viel über das Meer gehört und ja, auf einer Klippe zu stehen und die Wellen zu beobachten – das hätte auch etwas. Aber wahrscheinlich wäre mir dort bald langweilig. Ich mag mein abwechslungsreiches Ulm!

 

Vielen Dank für dieses interessante Interview und den Einblick in deine inneren Räume.

zurück