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 Stadtgesichter


„Ulm hat meine Erwartungen übertroffen“

Radfahren ist gesund und schont die Umwelt. Doch wie kommt man mit dem Drahtesel am einfachsten und sichersten durch die Stadt? Darüber sprachen wir mit der 29-jährigen Friederike Christian, die sich als städtische Verkehrsplanerin um die Belange der Ulmer Radfahrenden kümmert.

Frau Christian, Sie sind seit 2016 Radverkehrsbeauftragte der Stadt. Was sind Ihre Aufgaben?

Friederike Christian: Meine Aufgabe ist es, den Fahrradverkehr für Ulm zu organisieren und zu verbessern. Dazu gehören zum Beispiel die Planung von neuen Radwegen, die Optimierung des bestehenden Wegenetzes und das Schaffen neuer Abstell-möglichkeiten. Unter anderem wollen wir im Bereich des Hauptbahnhofes, wo ja im Moment alles umgebaut wird, bessere und überdachte Parkmöglichkeiten einrichten, wo man Zweiräder diebstahlsicher abstellen kann.


Ist Ulm in Bezug auf Radfahrer vorbildlich?

Friederike Christian: Ich würde sagen, wir gehören zum gehobenen Mittelfeld. Deutschlandweit können wir auf jeden Fall noch aufholen. Im Vergleich zu anderen Städten haben wir hier zum Teil schwierigere Voraussetzungen. Ulm ist eine sehr hügelige Stadt und es gibt viele enge Straßen. An manchen Stellen wäre es für eine vernünftige Fahrrad-infrastruktur theoretisch nötig, den anderen Verkehrsteilnehmern Raum wegzunehmen, was leider nicht immer möglich ist. Wir haben aber schon ganz gute Ansätze.


Zum Beispiel?

Friederike Christian: In Wiblingen haben wir eine Ampel installiert, die für Radfahrende automatisch auf Grün schaltet, wenn diese über eine Induktionsschleife fahren. Das ist nur ein kleiner, aber feiner Ansatz, weil er gemeinsam mit anderen Maßnahmen zur Beschleunigung des Radverkehrs beiträgt. Die Stadt Ulm will den Radverkehrsanteil bis 2020 von 11 auf 20 Prozent erhöhen.


Was heißt das?

Friederike Christian: Das bedeutet, dass künftig ein Fünftel aller Wege, die die Menschen in der Stadt zurücklegen, mit dem Fahrrad bewältigt werden sollen.


Welches sind Ihre wichtigsten Vorhaben in den kommenden Monaten?

Friederike Christian: Unter anderem soll mit der Heimstraße eine weitere Fahrradstraße ausgewiesen werden und im Zuge dessen wollen wir im Hafenbad durch eine Verkehrsinsel bessere Überquerungsmöglichkeiten schaffen. Auch beim Bau der Straßenbahnlinie 2 werden viele Radwege entlang der Schienen erneuert. Zudem wollen wir ein Fahrrad-Wegweisungssystem für Ulm entwickeln. Hier gibt es bislang noch kein richtiges Konzept und viele Schilder sind veraltet. So ein durchgängiges Orientierungssystem ist vor allem für Neubürger oder Touristen besonders wichtig.



Was ist der Vorteil von Fahrradstraßen?

Friederike Christian: Radfahrer haben hier Vorrang vor den Autos, die besondere Rücksicht nehmen müssen. Kreuzungen werden in diesen Straßen nach Möglichkeit so gestaltet, dass Radfahrende Vorfahrt haben und ihnen somit ein schnelles Durchkommen ermöglicht wird. Dadurch, dass wir im vergangenen Jahr eine Fahrradstraße in der Zeitblomstraße eröffnet haben, ist es nun im Idealfall möglich, ohne anzuhalten von der Oststadt bis zum Theater zu kommen.


Gibt es denn Zahlen, wie viele Ulmer tagtäglich in die Pedale treten?

Friederike Christian: Leider nicht. Es ist jedoch geplant, dass wir in Zukunft an bestimmten Orten in der Stadt Dauerzählstellen einrichten. Zum Beispiel am Donauradweg, der ja sowohl von Pendlern als auch Touristen stark genutzt wird, wäre so eine Erhebung sehr interessant.


Welche Stellen sind Ihnen persönlich ein Dorn im Auge?

Friederike Christian: Am Ehinger Tor muss auf jeden Fall etwas getan werden, da dort Radfahrer noch sehr oft anhalten müssen. Der Radweg unterhalb des Universum-Centers wird hier auch von Fußgängern benutzt, die sich dann oftmals in die Quere kommen. Bedarf besteht auch an der Überquerung der Glöcklerstraße in Richtung Stadtmitte, wo Radfahrer im Moment nur sehr umständlich hoch zur Neuen Mitte kommen. Und auch in der Magirusstraße, in der es nur einen Radweg auf einer Seite gibt, der in beide Richtungen führt und auf dem auch Fußgänger unterwegs sind, planen wir aktuell Verbesserungen, um die Konflikte zu reduzieren.


Touristen können unsere Stadt auch mit dem Rad erkunden. Wo kann man die „Stadträder“ ausleihen und wie wird das Angebot angenommen?

Friederike Christian: Insgesamt stehen momentan 20 Fahrräder zur Verfügung, die von der Ulm/Neu-Ulm Touristik GmbH vermietet werden. Früher konnten ausschließlich Gruppen die Räder ausleihen, die beim Parkhaus Deutschhaus stationiert waren. Seit vergangenem Sommer stehen sie nun hinter dem Stadthaus, wo sie nun auch einzeln genutzt werden können. Seit dieser Zeit werden deutlich mehr Fahrräder ausgeliehen.


Stimmt es, dass es in Ulm Menschen gibt, die ihr Fahrrad irgendwo abstellen und es dann vergessen?

Friederike Christian: Ja, das sind sehr viele. Im vergangenen Jahr blieben allein im Zuge des Rückbaus von Fahrradständern am Hauptbahnhof etwa 70 Räder herrenlos zurück.


Wer tut denn so etwas?

Friederike Christian: Das wissen wir nicht. Es könnten zum Beispiel Studierende sein, die das Fahrrad für wenig Geld gekauft haben, und dann aus Ulm wegziehen und es stehen lassen. Zum Teil sind da durchaus auch hochwertigere Fahrräder dabei. Nach einer gewissen Zeitspanne werden die Räder von der Stadt eingesammelt und dann nach Verstreichen einer sechsmonatigen Frist bei einer Auktion versteigert.


Sie sind in Bonn geboren, haben in Hamburg, Berlin und Frankfurt Stadtplanung und Geografie studiert. Seit 2015 leben Sie nun hier. Welche drei Begriffe fallen Ihnen spontan zu Ulm ein?

Friederike Christian: Ulm ist gemütlich, bietet perfekte Fahrraddistanzen und hat meine Erwartungen auf jeden Fall übertroffen.


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