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[Stadtgesichter] Interview


„Wir haben es nicht nötig, irgendeinen Gruscht zu buchen“ Uli Landthaler und  Elvira Lauscher vor dem Ulmer Zelt Poster
 
Am 22. Mai startet die 33. Zelt-Spielzeit und bietet wieder sieben Wochen lang ein abwechslungsreiches Programm. Es ist eines der größten und längsten Zeltfestivals in Deutschland und wird zum großen Teil durch Ehrenamtliche organisiert. So wie von Vorstandsmitglied Uli Landthaler.
 
Herr Landthaler, Sie sind ja sozusagen ein Zelt-Urgestein. Seit wann sind Sie für das Zelt aktiv und wie kam es dazu?
 
Uli Landthaler: Das kann man nicht so ganz genau sagen. Das Zelt hatte auch Vorläufer. Der Urgroßvater vom Zelt ist das sogenannte FUK-Fest am Fort Unterer Kuhberg. Der Platz ist jetzt mit der neuen Waldorfschule bebaut. Da hat der Stadtjugendring vor Jahrzehnten Veranstaltungszelt hingestellt und einfach mal ein paar Tage Bands auftreten lassen. Daraus hat sich das dann entwickelt. Es gab Vorbilder, wie Freiburg, die bereits ein Zeltfestival hatten.
 
Wann war das?
 
Uli Landthaler: Es ging Anfang der 80er Jahre los. 1985 gab es das erste große Kulturmonstrum, das man in die Welt gesetzt hat, die „Alternative Ulmer Kulturwoche“ (ULK) an mehreren Schauplätzen, etwa auf dem Münsterplatz, kurz bevor dieser bebaut wurde. Da durfte man noch den Asphalt perforieren, damit man die Zeltheringe einbringen konnte.
 
Worum ging es den Zelt-Gründern?
 
Uli Landthaler: Man wollte Anfang der 80er Jahre die Sozio-Kultur und die alternative Kultur in Ulm etablieren. Künstler herholen, die sonst nicht in der Stadt auftreten würden. Es gab das Roxy-Projekt, das damals noch Magirushallen hieß. Das und das Ulmer Zelt sind gemeinsam aus der Initiative von vielen Ulmer Kulturschaffenden und kleineren Veranstaltern entstanden, weil sie gemeinsam etwas Größeres machen wollten: Der Jazzkeller Sauschdall, die Volkshochschule, der Verein für moderne Musik und andere. Bindeglied war der Stadtjugendring, der die Räume des Sauschdalls und anderer Clubs als Vermieter in seiner Obhut hatte.
 
Seit wann sind Sie im Vorstand?
 
Uli Landthaler: Ich war zwischendrin zehn Jahre im Vorstand, dann bin ich aus beruflicher Überlastung kürzergetreten. Im vergangenen Jahr haben wir umstrukturiert und von drei auf acht Vorstände erhöht. So hat jeder ein bisschen weniger zu tun. Jetzt bin ich wieder seit April 2018 im Vorstand.
 
Acht gleichberechtigte Vorstände. Ist so viel Demokratie nicht auch anstrengend?
 
Uli Landthaler: Man muss die Zuständigkeiten aufteilen. Der größte Fehler, den man manchen kann, ist, dass jeder überall mitreden darf. Nur die wichtigen, grundlegenden Dinge müssen gemeinsam entschieden werden.
 
Sie haben noch einen Brotberuf als Journalist. Wie viel Zeit investieren Sie ehrenamtlich während den sieben Wochen Zelt-Saison?
 
Uli Landthaler: Boa, da ist man von Mittwoch bis Sonntag fast jeden Abend am Zelt. Das ist dann schon viel. Wenn man bei der Veranstaltung auch noch für einen Dienst eingeteilt ist, ist das wirkliche Arbeit. Mehr als ein, zwei Dienste pro Woche schaffe ich nicht, andere knien sich aber noch mehr rein. Aber auch wenn man keinen Dienst hat, ergibt sich immer was. Es gibt keine Stunde, wo es nichts zu bereden gibt.
 
Was treibt Sie zum Ehrenamt an?
 
Uli Landthaler: Der Grundgedanke beim Zelt war eben, dass man was Eigenes macht. Man muss sich nicht etwas vorsetzen lassen, sondern kann es so ausgestalten, wie man möchte. Und man hat ja dann 1.000 Leute drin, die applaudieren und es toll finden. Dadurch gibt es eine sofortige Rückmeldung, dass es sich gelohnt hat. Da ist ganz wichtig fürs Ehrenamt, damit es auch Spaß macht: Man arbeitet nicht ins Leere hinein, sondern hat sofort ein sichtbares Ergebnis.
 
Wie schaffen Sie es, Weltstars wie z.B. Dio, Kim Wilde, Uriah Heep oder Ten Years After in ein 1.000 Personen-Zelt zu locken?
 
Uli Landthaler: Ja gut, die großen Namen haben die Wahl, wo sie auftreten. Das Zelt hat soundso viel Platz und daraus kann man dann ausrechnen, was wir an Gage und Produktionskosten zahlen können. Aber auch die großen Namen können auf einer Tournee nicht jeden Tag in einer großen Halle auftreten. Sie biegen auch mal ab in so eine kleine Location wie das Zelt. Sie wissen dann, dass die Atmosphäre, die Betreuung und die Nähe zum Publikum stimmen.
 
Infografik
 
Möchten Sie uns ein bisschen Backstage mitnehmen? Wie ist das dort für die Mitarbeiter und auch die Künstler?
 
Uli Landthaler: Es soll einfach angenehm sein. Wir haben keine Garderoben-Container oder Blechkisten wie andere Zeltfestivals. Die Künstler werden bei uns anders untergebracht. Wir haben hergerichtete Bauwagen, die angemalt sind, einen Kühlschrank haben, einen farbigen Linoleumboden, Vorhänge, Dekorationen und eine kleine Veranda vor der Tür. Es soll einfach gemütlich sein. Die Künstler sind vom übrigen Team abgetrennt und nur die Künstlerbetreuung kann dort hin.
 
Aber trotzdem sind die Mitarbeiter ganz nah an den Künstlern dran?
 
Uli Landthaler: Ja räumlich schon. Und wenn die Künstler vor oder nach dem Konzert entscheiden, herumzuspazieren oder sich ans Lagerfeuer zu setzen, dann können sie das tun. Da ist jeder anders. Manche suchen das Gespräch und den Kontakt, andere wollen ihre Ruhe. Es gibt einen Bereich, auch am Lagerfeuer, der den
Künstlern vorbehalten ist.
 
Woher nehmen Sie so viel Holz für das Lagerfeuer und ist das in Zahlen zu bemessen?
 
Uli Landthaler: Im Moment sind es gespendete Paletten. Es gibt Firmen, die diese nicht mehr brauchen und wir bekommen zu Beginn der Spielzeit einen Lastwagen voll. Das ist unbehandeltes Holz und ganz praktisch.
 
Wo sitzt man, wenn es regnet?
 
Uli Landthaler: Wir haben auch überdachte Plätze. Der Aufenthaltsbereich für die Mitarbeiter hat ein Zeltdach. Das ist auch wichtig, wenn die Sonne scheint. Es gibt bei jedem Wetter eine gewisse Aufenthaltsqualität.
 
Interviewpartner betrachten den Ulmer Zelt Plan
 
Wie erklären Sie sich den Erfolg des Zeltes, das es jetzt schon in der 33. Auflage gibt?
 
Uli Landthaler: Also zum einen haben wir es nicht nötig, irgendeinen Gruscht zu buchen, um den Terminkalender zu füllen. Man hat immer ein Mehrfaches an Angeboten als Auftrittsmöglichkeiten. Es gibt keinen Lückenbüßer. Man kann immer aus einer gewissen Angebotsqualität schöpfen. Ich empfehle, einfach mal Zeltroulette spielen oder mit dem Dartpfeil aufs Programm zu werfen und da dann hinzugehen. Es bringt einen weiter, wenn man etwas sieht, das man noch nicht gekannt hat. Und wir sind authentisch. Man versucht nicht, die Leute über den Tisch zu ziehen, es geht wirklich um die Sache und um die Kultur, nicht um Geschäftliches. Es muss nur ein Geschäftsjahr mit schwarzen Zahlen werden.
 
Gab es Jahre mit roten Zahlen?
 
Uli Landthaler: Jaja, es gab solche Jahre. So alle fünf bis zehn Jahre ist irgendwas. Man bucht eine teure Produktion und dann kommen hundert oder zweihundert Besucher weniger als kalkuliert, dann hat man ein Problem. Und wenn das mehrfach in einer Spielzeit passiert, hat man ein großes Problem. Aber man sammelt auch Erfahrungen, um das zu vermeiden.
 
Gibt es dann Rücklagen?
 
Uli Landthaler: Als gemeinnütziger Verein darf man ja kein großes Sparbuch haben. Aber man hat auch Erfahrung und weiß ungefähr, wie man kalkulieren muss. Bei einer ganz schlechten Spielzeit muss man sich dann auch etwas überlegen. Einmal hat uns ein Sponsor mit einem zinslosen Kredit geholfen und nach ein, zwei Jahren hat man das dann wieder durch. Und was auch ganz wichtig ist, man macht die Getränke-Gastronomie inzwischen selber und hat dadurch gewisse Steuerungsmöglichkeiten. Die Gastronomie ist schon auch ein Träger des Ganzen. Jeder, der sein Bier in der Gastro trinkt, der unterstützt ein bisschen auch das Programm damit.
 
Immer wieder hört man bei Vereinen von Problemen, ehrenamtliche Helfer zu finden. Auch die Zuverlässigkeit wird oft bemängelt. Wie ist das bei Ihnen? Ist es in den letzten Jahren schwieriger geworden?
 
Uli Landthaler: Nein, es ist einfacher geworden. Wir haben unseren Ruf und wir haben ein tolles Angebot für Ehrenamtliche. Sie sind dann sechs Wochen hinter den Kulissen eines großen Kulturfestivals. So was lockt eher mehr an, als man manchmal vertragen kann. Das Entscheidende ist aber, dass die Leute auch bereit sind, sich zu qualifizieren und Verantwortung zu übernehmen. Es gibt keinen Menschen, der aus dem Stand heraus ein toller Ehrenamtlicher ist. Man muss bereit sein, zu lernen, wie das hier funktioniert.
 
Zelt-Büro im Fort Unterer Eselsberg
 
Was bieten Sie da an Weiterbildung?
 
Uli Landthaler: Wir haben so einen Praktikantenstatus. Jeder der neu ist, läuft erst Mal als Praktikant mit und schaut sich das Ganze mal an. Und dann kommt der Punkt, wo er selber sagen kann, das traue ich mir jetzt zu, ich kann selber Künstler betreuen, bei der Logistik mithelfen, ich kann mich um organisatorische, finanzielle oder technische Sachen kümmern.
 
Wie motivieren Sie Ihre Helfer?
 
Uli Landthaler: Wir müssen als Vorstand schon auf das Betriebsklima achten. Man muss sich einfach wohlfühlen auf dem Platz. Die Organisation muss gut sein, gerade bei Ehrenamtlichen ist es wichtig, dass die organisatorischen Abläufe funktionieren. Ein Ehrenamtlicher, der etwas machen will und dann nicht kann, weil irgendwas dumm läuft, das ist ganz schlecht. Man muss den Boden bereiten, damit die Leute gerne ehrenamtlich dabei sind.
 
Neben ehrenamtlichen Helfern gibt es ja auch einige Honorarkräfte. Mit welcher Mannschafts-Größe gehen Sie 2019 an den Start und wer organisiert so viele Menschen?
 
Uli Landthaler: Neben den Vorständen und den vier Festangestellten haben wir einen harten Kern von etwa dreißig oder vierzig Leuten. Im letzten Jahr haben wir zum ersten Mal über hundert Mitarbeiter-Ausweise verteilt. Das ist aber dann auch auf Gruppen verteilt. Dazu kommen bezahlte Kräfte in der Bühnentechnik und der Gastronomie. Für jedes Fachgebiet gibt es ein Team, das sich selber organisiert.
 
Wie lange dauert der Auf- und Abbau des Zeltes und wer koordiniert das Ganze?
 
Uli Landthaler: Der Ogli (Anmerkung der Redaktion: Oliver Glinka). Er ist der logistische Leiter. Der Abbau muss innerhalb von einer Woche passieren, weil dann das Volksfest aufbaut. Da müssen wir schauen, dass wir uns vom Acker machen. Der Aufbau geht länger. Ein Zeltaufbau ist immer länger als ein Zeltabbau. Man fängt um den 1. Mai herum an, hat also annähernd vier Wochen.
 
Was passiert mit dem Zelt nach dem 6. Juli?
 
Uli Landthaler: Es kommt alles schön in den Container rein und wir haben drei andere Festivals, an die wir es vermieten: Wendlingen, Dornstadt und Isny.
 
Nach dem Zelt ist vor dem Zelt. Wie viel Pause gönnt sich die Mannschaft, bevor es an das neue Planen geht?
 
Uli Landthaler: Es gibt eine Sommerpause, die geht vom Abbau-Ende im Juli bis zum Ende der Sommerferien. Ab dann geht es wieder los und es sind regelmäßige Treffen. Am Anfang vielleicht nur alle zwei Wochen, aber dann ist man wöchentlich gefordert. Unsere vier Hauptamtlichen sind ganzjährig angestellt. Es ist ein riesiger Organisationsaufwand. Jede Glühbirne muss gekauft, eingepackt, hertransportiert und eingeschraubt werden und dann wieder rausgeschraubt werden. Es ist extrem viel Sach… (lacht). Der Platz ist ja vorher komplett leer, eine Wiese. Alles was man braucht, muss man kaufen, hertragen, aufstellen, reparieren, wenn es kaputt ist, abbauen, saubermachen, einpacken und wieder in die Lager transportieren.
 
Was wünschen Sie dem Zelt für die Zukunft?
 
Uli Landthaler: Dass es so stabil ist, dass man sich keine finanziellen Sorgen machen muss. Es ist fies, wenn sich Ehrenamtliche den Kopf zerbrechen müssen, wie sie irgendwelche Finanzlöcher stopfen, anstatt sich auf die Inhalte konzentrieren zu können. Das wäre eine große Belastung. Da kann die Stadt viel machen und die Sponsoren. Und es soll vom Publikum weiterhin wertgeschätzt werden.
 
Sieben Wochen im Jahr ist das Zelt Ihr Lieblingsort in Ulm. Gibt es einen Platz, den sie außerhalb dieser Wochen besonders mögen?
 
Uli Landthaler: Im Sommer sitze ich gerne auf meinem Balkon in der Oststadt zum Lesen und Palavern und schau über die Dächer der Stadt aufs Münster, da kann man abschalten. Ansonsten gehe ich oft ins Roxy, weil das ja auch unser Partner ist. Die Roxy Cafébar ist ein ganz lauschiger Spielort, wo interessante Gruppen auftreten. Privat sind wir auch oft im Theater oder im Museum. Ich bin halt ein Stadtmensch.
 
Infos zu Uli Landthaler
 
Vielen Dank für Ihre Zeit und das Interview.

 

Zahlen rund um das Ulmer Zelt:
• Seit 1987 in der Ulmer Friedrichsau
• 8 gleichberechtigte Vorstände
• 4 festangestellte Mitarbeiter
• Kernmannschaft von 30 Leuten
• Über 100 Mitarbeiter während des Festivals
• Rund 70.000 Besucher schnuppern jährlich Zeltluft
• 800 Glühbirnen werden eingepackt, hertransportiert, ein- und wieder ausgeschraubt
• 400 gespendete Paletten für das Lagerfeuer
• Das Hauptzelt und die Sitztribüne wiegen je 8 Tonnen
• Für das Hauptzelt, den Backstage-, Künstler- und VIP-Bereich werden ca. 1.000 m² Boden verlegt, für den Künstler- und VIP-Bereich noch ca. 100 m² Teppichboden
• Insgesamt überdecken die Zelte ca. 1.200 m²
• Das ganze Equipment ist in 12 BDF-Wechselbrücken und 26 Bauwagen verstaut


Das Interview führte Elvira Lauscher
Fotos: Peter Wolter

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