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[Stadtgesichter] Interview


Julia Steingäß und Maria Rosendorfsky

Zwei Evitas für Ulm!

Alle zwei Jahre ist es soweit: Die Gemäuer der ehemaligen Bundesfestungsanlage werden vom Theater Ulm mit Musik und Kultur gefüllt. Dieses Jahr bietet ein mehr als 100-köpfiges Ensemble in 18 Vorstellungen das Musical „Evita“ von Andrew Lloyd Webber. Es werden Ausschnitte aus dem kurzen Leben der umstrittenen argentinischen Präsidentengattin María Eva Duarte de Perón, genannt Evita, gezeigt. Besetzt wird diese Rolle gleich von zwei Sängerinnen: Der neu nach Ulm gekommenen Julia Steingaß und von Maria Rosendorfsky, die schon in zahlreichen Produktionen am Theater Ulm zu sehen war. Die zwei Sängerinnen haben sich drei Tage vor der Premiere Zeit für ein Gespräch mit wohin. genommen.

Ganz herzlichen Dank, dass Sie sich so kurz vor der Premiere für uns Zeit nehmen. Wie sieht Ihr Probenplan in den nächsten Tagen aus?

Elvira Lauscher im Gespräch mit Maria Rosendorfsky und Julia Steingäß

Julia Steingaß: Ich habe nur noch die Generalprobe Morgen. Und dann geht es schon in die Premiere.
Maria Rosendorfsky: Ich habe heute meine Generalprobe und dann am Sonntag meine Premiere. Die meisten Proben sind schon gelaufen. Man braucht am Tag vorher Pause, damit man sich ausruhen kann. Es ist ja doch jeden Abend spät und ein Aufwand. Aber wir haben es ja noch gut in der Doppelbesetzung.

Wie kann man sich das überhaupt vorstellen? Proben Sie gemeinsam?
Julia Steingaß: Da Maria noch in einer anderen Produktion war, habe ich die ersten vier Wochen allein geprobt. Danach wurden die Proben aufgeteilt. Allerdings sind wir immer da und schauen dem anderen zu.

Sie tragen ja beide Perücken. Wie lange dauert es, um Sie auch sonst in Evita zu verwandeln?
Maria Rosendorfsky: Vom Optischen her etwa eine halbe Stunde. Sie dürfen nicht vergessen, dass so viele Leute geschminkt werden müssen. Das geht sehr routiniert.

Julia Steingäß und Maria Rosendorfsky

Seit wann proben Sie auf der Wilhelmsburg?
Julia Steingaß: Seit dem 15. Mai sind wir jetzt schon dort und haben trotz schlechtem Wetter immer oben ausgeharrt.

Waren die Chöre dann auch schon dabei?
Julia Steingaß: Die meisten Sänger im Extrachor und Projektchor sind berufstätig, also konnten wir nur am Wochenende gemeinsam proben.

Evita Perón war ja für ihre Kostüme und Kleider berühmt. Wie viele Kostümwechsel müssen Sie während der Aufführung bewältigen?
Julia Steingaß: Natürlich das weiße Kleid, das Dior-Kostümchen, das Mädchenkleid am Anfang, ein hübsches Negligé und (denkt nach) …
Maria Rosendorfsky: … der Mantel.
Julia Steingaß: Und das Abendkleid. Also sechs Kostüme. Es war ursprünglich vorgesehen, dass es noch mehr Kostüme geben soll, aber wir gehen kaum von der Bühne und es gibt keine Leertakte, in denen man uns umziehen könnte.

Julia Steingäß als Evita mit zwei Männern

Was bedeutet das genau?
Julia Steingaß: Wir haben keine Zeit uns umzuziehen. Deswegen finden einige Umzüge sichtbar auf der Bühne statt, andere sind versteckt hinter Bühnenelementen. Ansonsten laufen wir schnell von der Bühne in unsere Garderobe. Dort stehen dann mehrere Ankleider mit den Kostümteilen bereit und innerhalb kürzester Zeit sind wir in einem komplett neuen Outfit.

Es gibt es ja sozusagen zwei Premieren, einmal am Freitag mit Ihnen Frau Steingaß und am Sonntag mit Ihnen, Frau Rosendorfsky. Sind Sie bei beiden Aufführungen nervös?
Maria Rosendorfsky: Also ich bin am Freitag gar nicht da.
Julia Steingaß: Ich bin am Sonntag auch nicht da. (beide lachen herzlich)
Maria Rosendorfsky: Am Sonntag ist ja auch nicht wirklich eine Premiere, es ist ja nur meine erste Vorstellung. Also ich bin – naja, nervös ist vielleicht zu viel gesagt – es ist eine nervöse Anspannung, wenn man so eine große Rolle zum ersten Mal macht. Julia hat das ja schon zig Mal gemacht. Bist du noch nervös?
Julia Steingaß: Ich bin schon ein wenig aufgeregt. Die Open-Air-Situation ist ungewohnt, besonders in Bezug auf den Orchesterklang. Wenn man im Theater spielt, hat man die Musiker im Orchestergraben vor sich und man hört jedes Instrument. Da die Musiker auf der Wilhelmsburg in einem anderen Raum untergebracht sind, ist es eine größere Herausforderung.

Marie Rosendorfsky als tanzende Evita mit weiteren tanzenden Darstellern

Sie hören die Instrumente also gar nicht?
Julia Steingaß: Es kommt kein Liveklang bei uns an, es ist alles schon mit Mikrophonen abgemischt, ehe es bei uns auf der Bühne ankommt. Es gibt natürlich einmal den Komplettsound für das Publikum und ein auf uns abgestimmtes Monitoring.

Das ist dann aber schon sehr schwierig…
Maria Rosendorfsky: Das ist schwierig. Die meiste Arbeit oben auf der Burg besteht darin, das richtig auszutarieren. Welches Instrument ist stark genug, dass der Klang dann gemischt mit den Sängern draußen gut ankommt.

Ist eine Open Air-Bühne für die Stimme und für die Intensität im Schauspiel anstrengender?
Julia Steingaß: Ich fand die Proben vormittags in der prallen Sonne anstrengend. Aber das ist bei den Aufführungen ja Gott sei Dank nicht so, da wir immer erst abends um halb neun spielen.
Maria Rosendorfsky: Wir sind zwar hier auf der Bühne im festen Haus auch weit weg vom Publikum, aber auf der Burg ist es immer noch eine andere Distanz. Man muss die Feinheiten eher einschränken und auf die Distanz gehen. Wenn sie eine große Bühne haben, hört der Zuschauer einen Ton, aber er weiß nicht unbedingt, wo derjenige jetzt steht, der da singt. Besonders wenn es zu Beginn noch heller ist. In Bregenz bei den Festspielen ist das ein bisschen ausgereifter. Da weiß man ungefähr, es kommt von links oder rechts.

Für Sie, Frau Steingaß, ist dies ja bereits die dritte Evita-Produktion, in der Sie die Präsidentengattin Eva Perón singen und spielen dürfen. Haben Sie in jeder Produktion einen anderen Bezug zu Evita und der umstrittenen Hauptperson entwickelt?
Julia Steingaß: Die erste Produktion (Anmerkung der Redaktion: Theater Koblenz 2012/2013) hatte eine etwas ungewöhnliche Konzeption: Die Partie der Eva Duarte wurde auf drei Frauen aufgeteilt und wir standen die ganze Zeit gemeinsam auf der Bühne. Es gab die junge Evita, die nach Buenos Aires kommt, die Frau auf dem Thron, also die Evita, die in der Blüte ihres Lebens steht, und die kranke, gebrechliche Evita. Am Meininger Staatstheater durfte ich dann eine ganz klassische Evita spielen, wie man sie sich vorstellt.

Elvira Lauscher im Gespräch mit Maria Rosendorfsky und Julia Steingäß

Was gefällt Ihnen an der Ulmer Inszenierung von Wolf Widder? Ist diese auch eher klassisch?
Maria Rosendorfsky: Würde ich schon sagen.
Julia Steingaß: Ich finde, er hat ein paar Facetten rausgekitzelt, die ich noch nicht kannte. Es besteht bei Evita generell die Gefahr, dass man sehr hart und unnahbar wird. Wir haben versucht, das immer wieder abzuholen, dass sie durchaus auch liebenswerte Züge hat.

In wie weit beschäftigt man sich mit einer historischen Figur, um sie überzeugend dazustellen? Oder sieht man in ihr vorwiegend eine Kunstfigur?
Maria Rosendorfsky: Ich habe sehr viel nachgelesen, da ich ja auch erst so spät zu den Proben gekommen bin. Man bekommt am Anfang der Probenzeit so eine Art Materialsammlung, wo man über die Zeit in dem Land, die Frauen und die politische Situation informiert wird. Ich habe das alles gelesen und fand das sehr spannend, wobei man auch da nicht auf einen grünen Zweig kommt und sich nicht über sie festlegen will. Man kann das lesen und antizipieren, aber auch das Stück legt sich nicht fest, ob Evita eher positiv oder negativ ist.
Julia Steingaß: Ich glaube auch Tim Rice (Anmerkung der Redaktion: Verfasser der englischen Gesangstexte) war sich nicht sicher und hat deshalb die Figur des Che geschaffen. Es gibt auch kaum Informationen über sie, denen man hundertprozentig trauen kann. Entweder waren diese von Regimegegnern oder von eingefleischten Perónisten und im Nachhinein extrem gefärbt und zensiert. Man kann nur zwischen den Zeilen lesen und sich annähern.

Wie stehen Sie zu ihr? Hat sie mehr positive oder negative Eigenschaften für Sie?
Julia Steingaß: Es hält sich eigentlich die Waage. Ich finde sie unglaublich faszinierend und stellenweise sehr modern. Sie wäre heute der absolute Medienstar. Sie hat sich in einer Zeit, in der sich eine Frau immer untergeordnet hat, getraut ihren eigenen Weg zu finden und sich der Männerwelt eben nicht untergeordnet.

Sehen Sie das ähnlich, Frau Rosendorfsky?
Maria Rosendorfsky: Absolut. Was man ihr auf gar keinen Fall absprechen kann, ist Charisma. Und ich glaube, wenn man in einer gewissen Machtstruktur angelangt ist, da bleiben einem manche Dinge nicht erspart. Man muss Dinge tun, um an der Macht zu bleiben und vielleicht kann man einem das vorwerfen. Wenn man liest, was sie alles gemacht hat, wie sie sich selber auch um die Leute gekümmert hat… Sie wollte etwas bewirken und dazu haben eben auch Dinge gehört, die nicht so gut waren. So wie das heute auch ist.

Maria Rosendorfsky und Julia Steingäß

Ist der Wechsel zwischen Tango, Rock und Pop bzw. Klassik-Elementen in dem Musical besonders anspruchsvoll?
Julia Steingaß: Es ist nicht nur stimmlich sehr anspruchsvoll. Es ist auch körperlich anstrengend, weil man durch alle Facetten eines ganzen Lebens geht. Von der aufgekratzten Evita mit fünfzehn Jahren, die nach Buenos Aires aufbricht, bis zur todkranken Frau am Ende des Stückes, die zum letzten Mal eine Ansprache ans Volk hält.

Hat dieses 1974 entstandene Musical für Sie heute noch Aktualität?
Maria Rosendorfsky: Absolut, es gib so viele Leute, die eine Idee haben und gewisse Mittel einsetzen, um sie durchzusetzen. Die sind eben oft nicht so gut. Wobei es Frauen an der Macht mit dieser Ausstrahlung nicht so oft gibt. Es ist auch schwierig, als hübsche Frau ernst genommen zu werden.
Julia Steingaß: Man darf natürlich nicht vergessen, dass sie kein offizielles politisches Amt innehatte. Sie hatte einfach Glück, dass Juan Perón sie unterstützt und mitgezogen hat und sie nicht als Konkurrenz wahrgenommen hat.
Maria Rosendorfsky: Im Bezug zu heute könnte man auch sagen, eine Greta Thunberg ist auch keine Politikerin, sondern Evita hat die Medien genutzt, so wie man heute YouTube nutzt und damit etwas bewirken kann.
Julia Steingaß: Was ich ganz spannend fand: Eva Peróns Reden waren bekanntlich sehr populär. Sie beschränkte sich auf ein kleines Vokabular, das sie immer wieder mantraartig wiederholt hat. So ein bisschen ähnlich wie Trump. Sie hat es auf charmantere Art und Weise gemacht, aber es ist dasselbe gefährliche Phänomen.

Evita würde heute also auch twittern?
Julia Steingaß: Auf jeden Fall! (beide lachen herzlich)

Für die Besucher ist sicherlich „Don’t cry for me Argentina“ eines der beeindruckendsten und natürlich auch das bekannteste Lied aus dem Musical. Welche Stelle ist für Sie als Sängerinnen am intensivsten und warum?
Maria Rosendorfsky: Ich finde das Lied gar nicht spannend zum Singen. Ich finde diese langsame Stelle…
Julia Steingaß: …You must love me…
Maria Rosendorfsky: … Verlass mich nie… Viel schöner. Und das ganz letzte Lied finde ich auch wunderschön.
Julia Steingaß: Und das Kennenlernen mit Perón. Don´t cry for me Argentina ist so eine Nummer, die jeder mitsingen kann, wie eine Hymne. Da habe ich immer die Sorge, dass ich den Text verdrehe.

Sie singen „Don’t cry for me Argentina“ aber auch auf Deutsch.
Maria Rosendorfsky: Ja, alles. Die deutsche Fassung ist aber auch gewöhnungsbedürftig.

Frau Steingaß, Sie sind ja neu in Ulm. Waren Sie vorher schon mal hier und wie gefällt Ihnen Ulm?
Julia Steingaß: Ich bin das erste Mal in Ulm und finde es hier wunderschön. Ich mag die Innenstadt und die Au. Da ist ja immer was los. Ulm hat auch coole Kneipen und es ist sehr lebenswert hier.

Möchten Sie unseren Lesern noch etwas sagen?
Maria Rosendorfsky: Ja, ich möchte die Leute anregen, dass sie sehr offen reingehen und sich ein eigenes Bild von der Frau machen, abseits von der Unterhaltung, die der Abend bietet.

Vielen Dank für Ihre Zeit und das Interview. Wir wünschen Ihnen viele schöne Vorstellungen ohne Regen!


Das Interview führte Elvira Lauscher
Interviewfotos: Savannah Blank,
Evita-Fotos Theater Ulm, Fotograf:
Jochen Klenk

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Zahlen rund um die Wilhelmsburg und das Ulmer Theater:

• Die Wilhelmsburg ist 200 x 130 Meter groß
• Sie wurde von 1842 bis 1849 durch den Deutschen Bund erbaut
• Der Innenhof der Zitatelle fasst 1,3 ha, etwa 3 Fußballfelder
• Der Hof konnte 6.951 Mann aufnehmen
• Das Theater Ulm bespielt die Zitatelle seit 2007 alle zwei Jahre
• Seit 2011 sind die Zuschauertribünen überdacht
• 1.622 Zuschauer finden Platz auf der Tribüne
• Evita war die zweite Frau des Präsidenten Juan Perón
• Sie war zu Lebzeiten eine Legende und lebte von 1919 bis 1952
• Das Musical „Evita“ wurde von Andrew Lloyd Webber 1978 uraufgeführt
• In Ulm wirkt ein mehr als 150-köpfiges Ensemble bei „Evita“ mit
• Zwei Evitas singen und spielen an 18 Vorstellungterminen
• Premiere: 7. Juni 2019
• Letzte Aufführung: 17. Juli 2019