EBNER MEDIA GROUP – Lokale Medien

Stadtgesichter


„Historisches Wissen hilft die Gegenwart zu verstehen“

Es ist auf zwei Orte in der Stadt verteilt und eint doch alle Besucher in der wachsamen Erinnerung an die nationalsozialistische Zeit in Ulm: das Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg e.V. (DZOK). Wir sprachen mit der Leiterin Dr. Nicola Wenge, über die Ziele der Einrichtung und warum es so wichtig ist, den Blick auch in die Vergangenheit zu richten.

 

Frau Wenge, wie viele Besucher kommen in das Dokumentationszentrum?

Dr. Nicola Wenge:Wir freuen uns über stetig steigende Zahlen. Etwa 10-12.000 Besucher kommen jährlich in die Gedenkstätte am Kuhberg. Mit den Angeboten in der Büchsengasse, mit Bibliothek und Archiv, erreichen wir im Jahr bis zu 4.000 Menschen. Dazu zählen auch Personen, die Informationen erfragen und Besucher unserer Veranstaltungen, die wir in der Stadt mit unseren Partnern durchführen.

 

Sind das ausschließlich Bürger der Stadt?

Dr. Nicola Wenge: Nein, Sie werden staunen. Viele Touristen interessieren sich für die Geschichte eines der ersten KZ in Deutschland und die NS-Geschichte in der Region. Zum Beispiel hatten wir Gäste aus Mexiko, Japan und Australien. Oft kommen auch Angehörige von ehemaligen Verfolgten. Unsere Hauptzielgruppe sind Schulklassen aus Ulm und junge Menschen aus dem ganzen Land.

 

Was kann man in der Dauerausstellung in der Gedenkstätte erfahren?

Dr. Nicola Wenge: Die Ausstellung zeigt Bilder, Objekte und Dokumente zu Häftlingen und Haftbedingungen, zu den Wachmannschaften und zum Umgang mit dem historischen Ort nach 1945. Bei Führungen kann man die ehemalige Kommandantur, die Häftlings-Unterkünfte, etwa die Einzelzelle des Sozialdemokraten Dr. Kurt Schumacher, besichtigen.

 

Was ist für Sie der schrecklichste Ort des ehemaligen KZ?

Dr. Nicola Wenge: Das sind die Plätze, wo besonders deutlich wird, wie die Menschen der Willkür der Wachmannschaften schutzlos ausgeliefert waren. Zum Beispiel in der Strafarrestzelle direkt unterhalb des Eingangs oder in den unterirdischen Gängen, wo die Menschen unter untragbaren Bedingungen zusammengepfercht waren.

 

Im Dokumentationszentrum in der Büchsengasse 13 befinden sich auch eine Bibliothek und ein Archiv. Was gibt es hier zu sehen?

Dr. Nicola Wenge: Im Archiv findet man Unterlagen von ehemaligen württembergischen Häftlingen und Materialien von Ulmerinnen und Ulmern zur NS-Zeit, auch zur Vor- und Nachgeschichte. Dies sind zum Beispiel Erinnerungsberichte oder auch persönliche Gegenstände, Fotos, Briefe etc. Die privaten Nachlässe sind das Herzstück des Archivs. In der Bibliothek gibt es Fachliteratur über den Nationalsozialismus, Gedenkstättenarbeit und Rechtspopulismus.

 

Wer kann sich hier informieren?

Dr. Nicola Wenge: Alle. Wir sind eine Anlaufstelle für Bürger, Wissenschaftler sowie für Schüler.

 

Kann man einfach so vorbeikommen?

Dr. Nicola Wenge: Eine Anmeldung ist sinnvoll. Wir haben zwar geregelte Bürozeiten, doch möchte unser kleines Team sich für die Besucher Zeit nehmen und sie bestmöglich betreuen.

 

Wie wichtig ist denn das DZOK in der heutigen, mitunter turbulenten Zeit?

Dr. Nicola Wenge: Ganz wichtig. Umfragen zeigen, dass das tatsächliche Wissen über die NS-Zeit bundesweit zurückgeht. Da müssen wir etwas tun. Denn wie schnell eine Stimmung kippen kann, sieht man ja in anderen Städten und Ländern, in denen solche intensive Bildungsarbeit nicht geleistet wird. Zudem geht es darum, dass wir mit dem historischen Wissen auch unsere Gegenwart besser verstehen können.

 

Welches Ihrer Bildungsprojekte liegt Ihnen ganz besonders am Herzen?

Dr. Nicola Wenge: Ein Projekt mit dem Namen „Man wird ja wohl noch sagen dürfen…“ Das Pilotprojekt soll Jugendliche zu einem kritischen Umgang mit menschenverachtender, diskriminierender und demokratiefeindlicher Sprache ermutigen, die heute leider wieder salonfähig wird. Dazu gehören zum Beispiel die Begriffe „Lügenpresse“ oder „Volksverräter“. Im Rahmen des Projekts, das bis 2019 läuft, werden didaktische Angebote und Materialien entwickelt, in Workshops mit Jugendlichen aus Ulm und Region erprobt und schließlich in Schulen und Gedenkstätten zur Verfügung gestellt.

 

Worin sehen Sie Ihre tagtägliche Aufgabe?

Dr. Nicola Wenge: Mit ganz verschiedenen Menschen gemeinsam Perspektiven auf Geschichte und Gegenwart zu entwickeln. Erinnern, diskutieren, forschen, informieren, dokumentieren…

 

Sie sind seit 2009 in Ulm, stammen aus Dortmund und haben in Köln studiert und wissenschaftlich gearbeitet. Wie oft kommen Sie noch zurück in die Heimat?

Dr. Nicola Wenge: Natürlich fahre ich noch regelmäßig nach Köln und ins Ruhrgebiet, Gott sei Dank gibt es schnelle Züge, aber meine neue Heimat ist Ulm.

 

Mit welchen drei Begriffen würden Sie denn Ihre neue Heimatstadt bezeichnen?

Dr. Nicola Wenge: Voller Geschichte und Geschichten, selbstbewusst, mit vielen Möglichkeiten, Dinge gemeinsam zu gestalten.

 

zurück