EBNER MEDIA GROUP – Lokale Medien

[Stadtgesichter] Interview


Elvira Lauscher im Gespräch mit Dr. Christoph Hantel

„Ein politischer Ort, an dem Einmischung erwünscht ist“

Seit Mai 2019 ist Dr. Christoph Hantel der neue Leiter der Ulmer Volkshochschule und löste Dr. Dagmar Engels nach rund 28 Jahren ab. Der gebürtige Kölner ist seit 2001 in der Erwachsenenbildung tätig und leitete bereits acht Jahre lang eine Volkshochschule in Nordrhein Westfalen. Der gelernte Journalist bringt dazu viele Erfahrungen mit nach Ulm, wie etwa einen dreijährigen Friedensdienst in Mosambik. In Zeiten, in denen die Demokratie in Europa auch keine Selbstverständlichkeit mehr ist, sicherlich eine wichtige Erfahrung für einen vh-Leiter. Dr. Christoph Hantel sieht die Volkshochschule selbst als eine politische Einrichtung und sich gleichzeitig als Innen- und Außenminister. Für Ulm hat er viel geplant.

Herr Dr. Hantel, Sie haben sich vorgenommen, die ersten 100 Tage zuzuhören. Wem haben Sie zugehört und was haben Sie erfahren?
Dr. Christoph Hantel: Ich habe vor allem meinen festen, aber auch den freien Mitarbeitern zugehört. Wir haben ein großes Grillfest gemacht für die etwa 600 Kursleitenden, also für die freien Mitarbeiter. Und ich bin in die einzelnen Abteilungen gegangen und habe nachgefragt: Erzählt mir mal, was ihr so macht. Wie ist eure Struktur, wie arbeitet ihr? Ich wollte wirklich die Kollegen kennenlernen und habe mir dafür auch Zeit genommen. Und ich hatte etwa fünfundvierzig Außentermine.

Elvira Lauscher im Gespräch mit Dr. Christoph HantelMit wem zum Beispiel?
Dr. Christoph Hantel: Menschen aus Kultur und Politik, Kollegen aus leitenden Positionen, wie Musikschule, Stadtarchiv, mit den Bürgermeistern, ich habe alle politischen Parteien besucht und bin noch gar nicht fertig damit. Dann sind da noch die Bürgermeister der zwölf Städte, die ich vor Ort besucht habe. Ich versuche, so gut wie möglich zuzuhören, um zu erfahren: Wie tickt Ulm, wie funktioniert Ulm und was kann ich für Schlüsse daraus ziehen?

Wie tickt Ulm?
Dr. Christoph Hantel: Ulm ist in meiner Wahrnehmung eine Stadt, in der die Einigung, das gemeinsame Tun eine ganz wesentliche Rolle spielen. Mein Eindruck ist, dass der Ulmer stolz ist auf seine Stadt, das Münster ist gefühlt von jedem erbaut worden. Über Parteigrenzen, über Interessenlagen und über wirtschaftliche Verflechtungen hinweg steht erst Mal im Mittelpunkt: Was tut dieser Stadt gut? Das ist das, was ich sozusagen in meinen Flitterwochen hier als begeisterter Neubürger beobachte.

Die Ulmer VH ist fünf Mal so groß wie die Volkshochschule in Lüdinghausen. Trifft das auch auf die Aufgaben zu?
Dr. Christoph Hantel: Das kann man nicht eins zu eins übersetzen, zumal dieses Haus ja zunächst mal von den zuständigen Personen geleitet wird. Wir haben so etwa fünfzehn Führungskräfte, die ich die Ehre habe, zu leiten. Und damit sind wir sehr gut aufgestellt. Ich muss im Tagesgeschäft sehr wenig machen und kann mich zunächst mal in die Rolle einfinden, diesen großen Apparat zu steuern und die Institution nach außen zu vertreten.

Elvira Lauscher im Gespräch mit Dr. Christoph HantelVon Nordrhein-Westfalen ins Schwaben-Ländle. Eine große Umstellung für Sie?Dr. Christoph Hantel: Ulm ist eine Stadt, aus der viele Menschen auch wieder von außerhalb herkommen. Allein in meiner festen Mitarbeiterschar schätze ich, dass etwa ein Drittel zugereist ist. Aber ich erlebe die Stadt nicht als schwierig. Sie ist zumindest im Augenblick sehr freundlich zu mir und die Gespräche mit den verschiedenen Personen aus der örtlichen Prominenz erlebe ich sehr stark immer mit der Frage: Wer bist du, was kannst du und wo können wir dir helfen? Es sind Gespräche auf Augenhöhe. Das liegt natürlich auch an der Volkshochschule. Sie hat eine hohe Reputation und ich werde als neuer Leiter der Volkshochschule sehr willkommen geheißen. So fühlt sich das für mich an.

Sie haben sich bei 70 Mitbewerbern durchgesetzt. Wissen Sie, was für Sie gesprochen hat?
Dr. Christoph Hantel: Da muss ich passen. Das müssten Sie tatsächlich Andere fragen.

Was haben Sie Ihrer Meinung nach anzubieten?
Dr. Christoph Hantel: Ich bin seit 2001 in die Erwachsenenbildung, nach einem dreijährigen Afrika-Aufenthalt. Und ich war vom 20. bis 30. Lebensjahr Journalist. Das hat auch seine Vorteile, denn ich bin hier so etwas wie ein Innenminister und ein Außenminister gleichzeitig. Man muss politische Mehrheiten haben, muss viele Personen begeistern, viele Ulmer interessieren sich dafür, was in dieser Volkshochschule läuft. Und ich habe über meine Arbeit für die Landesanstalt für Medien NRW gesehen, wie auf Landesebene Politik gemacht wird. Das ist eine Kerbe, die ich auf dem Gürtel habe, die ich gut finde.

Orange Tischlampe auf weißem runden Tisch

Die Geschichte um die Ulmer Volkshochschule ist ja schon eine Besondere. Ist diese bis nach Nordrhein-Westfalen durchgedrungen? 
Dr. Christoph Hantel: Ich kenne natürlich die Weiße Rose und die Geschwister Scholl. Es ist beeindruckend, wie präsent das hier ist. Inge Scholl ist fast physisch anwesend. Und auch Otl Aicher mit der HfG. Beide Personen haben eine starke Anfangsprägung gegeben, die sich bis heute durchzieht. Die Kernfrage, die ich mir stelle, ist, was würde Inge Scholl heute machen?

Dann sehen Sie in einer Volkshochschule mehr als nur eine Bildungseinrichtung?
Dr. Christoph Hantel: Eine Volkshochschule schafft ein gesellschaftliches Bindegewebe. Das Wort benutze ich gerne, weil ich glaube, dass wir in Deutschland eine starke Milieuzersplitterung haben und die Volkshochschule ist der Ort, an dem sich die Menschen absichtslos begegnen und miteinander in Kontakt treten. Egal wie viel Geld sie verdienen, welchen Bildungsstandard sie haben, ob sie Arbeit haben oder arbeitslos sind. Wenn Menschen sich begegnen, etwas gemeinsam tun, einen Kurs belegen, dann bleibt eine Gesellschaft zusammen.

Elvira Lauscher im Gespräch mit Dr. Christoph HantelZu Zeiten von Inge Aicher-Scholl war die Volkshochschule in Ulm ein kultureller und sozialer Treffpunkt und hatte einen gesellschaftspolitischen Auftrag. In welche Richtung wollen Sie zukünftig gehen?
Dr. Christoph Hantel: Es gibt zwei Sachen, die eine Verjüngung herbeiführen. Zunächst mal wird unsere Homepage aktualisiert und responsiv und ansprechend. Und dann werden wir an das Heft ran gehen. Das wird ein langsamer Prozess, das macht man über zwei-drei Jahre. Man will ja die Leser mitnehmen, also peu à peu, dass man die Veränderung gar nicht so stark merkt. Aber wir werden es verändern. Und wir haben natürlich immer auch eine Verjüngung in der Kollegenschaft, die sich auswirkt..

Was ist in Richtung Digitalisierung geplant?
Dr. Christoph Hantel: Neben der Homepage und meinen Plänen, das Heft magaziniger zu machen, sollen die Printsachen, die wir haben und die auch notwendig sind, die Menschen ins Internet locken. Die Jüngeren werden uns immer danach beurteilen, ob das, was wir an Kursen anbieten, einen Widerschein, eine Abbildung im Internet hat. Und es werden Menschen vermehrt über Facebook auf uns zugehen, Anfragen stellen und wir müssen dann schnell reagieren können.

Sie waren als Entwicklungshelfer in Mosambik und haben drei Jahre als Journalistenausbilder gearbeitet. Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht?
Dr. Christoph Hantel: Mosambik ist das fünftärmste Land der Erde und war nach vierzig Jahren Bürgerkrieg sehr gebeutelt. Meine Frau und ich waren im zivilen Friedensdienst. Unsere Aufgabe war dort, pädagogische Friedensmethodik zu vermitteln. Das Land hat eine junge Bevölkerung mit einem Durchschnittsalter von 14 Jahren. Aber es zeigt ein freundliches Gesicht und man spürt, dass alle das Land voranbringen wollen. Es war eine inspirierende Zeit für uns in einer sehr freundlichen, optimistischen jungen Gesellschaft.

Foto mit Infotext zu Dr. Christoh HantelUnd das in einem so armen Land?
Dr. Christoph Hantel: Ja, ich habe mit Menschen zu tun gehabt, die hatten gerade mal eine Woche finanzielle Planungssicherheit. Das ist etwas, was ich mir nicht vorstellen kann. Man kommt zurück und freut sich über die hiesige Demokratie. Das ist auch ein Motiv, das sich in meine Volkshochschularbeit übertragen hat. Ich möchte helfen, diese Demokratie und den Frieden zu bewahren. Geschichtlich gesehen, ist Demokratie noch etwas sehr junges. So lange haben wir das noch gar nicht. Für die Generation meiner Kinder ist der Fall der Berliner Mauer eine historische Fußnote und der zweite Weltkrieg etwas, mit dem Opa was zu tun hatte. Aber Demokratie zu bewahren, ist eine große Aufgabe, denn Demokratie ist kompliziert, umständlich und erfordert ständiges Einigen.

Gibt es einen Platz, den Sie in Ulm oder der Umgebung bereits lieben gelernt haben?
Dr. Christoph Hantel: Ich mag die Bücherei und die Wengenkirche sehr gerne. Und ich bin viel hier im Haus, wir haben das Café. Ich bin gerne hier. Es sind einfach sehr nette Kollegen. Sie waren von Anfang an herzlich und haben gesagt: „Mit dir probieren wir es.“

Vielen Dank für das Interview.


Das Interview führte Elvira Lauscher
Fotos: Peter Clemens Wolter

zurück