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[Stadtgesichter] Interview


Nachbau des Flugapparats von Berblinger im Ulmer Rathaus.

Ein innovativer Flugpionier und genialer Erfinder

Albrecht Ludwig Berblinger, der „Schneider von Ulm“ wird heute als Held und Erfinder geehrt. Das nächste Jahr steht in Ulm ganz im Zeichen seines 250. Geburtstags. Vor über zweihundert Jahren wurde er nach seinem gescheiterten Flug über die Donau mit Hohn und Spott aus Ulm verjagt und starb abgezehrt und in bitterer Armut. Wir von der wohin.-Redaktion haben keine Kosten und Mühen gescheut, eine Zeitmaschine ins Jahr 1825 geschickt und den Schneider von Ulm in streng geheimer Mission nach Ulm ins Rathaus teleportiert.

Willkommen in Ulm, Herr Berblinger.
Albrecht Berblinger: (Albrecht Berblinger schaut sich verwirrt um) Eine etwas ungewohnte Begrüßung, muss ich bemerken. So sehr willkommen hat mich Ulm in letzter Zeit nicht geheißen.

Das ist uns bekannt. Nun sagen wir es einmal so, Sie sind wieder geflogen. Allerdings dieses Mal in der Zeit.
Albrecht Berblinger: (Erneut schaut sich Berblinger um, betrachtet ausführlich meine Kleidung, den Stoff meiner Hose, die Jacke). Wer hat das genäht? Den Schneider muss ich kennenlernen! Aber warum tragen Sie eine Hose?

Nun, Herr Berblinger, das ist unsere Mode. Wir befinden uns im Jahr 2019.
Albrecht Berblinger: Ich verstehe nicht ganz. (schaut sich um und schaut nach oben) Aber da ist ja mein Flugapparat!

Nicht ganz, Herr Berblinger. Es ist eine Nachbildung. Der ihrige – nun sagen wir es so – wurde in Ihrer Zeit nicht gewürdigt.
Albrecht Berblinger: Nein, die Menschen haben es einfach nicht verstanden, welche Möglichkeiten im Menschenflug liegen.

Wie kam es zu Ihrem Traum vom Fliegen? Hat Sie der Ulmer Spatz inspiriert?
Albrecht Berblinger: Nicht nur. Aber ich habe Vögel immer beobachtet, vor allem aber die Bussarde. Wie sie sich vom Wind tragen lassen, mit ihm nach oben gehoben werden.

Deshalb haben Sie auch einen Gleitflieger und kein Schlagflügelflugzeug gebaut, wie ihr Bekannter Jakob Degen?
Albrecht Berblinger: Richtig. Ich habe immer bezweifelt, dass der Schlagflügler wirklich weit fliegen kann.

Sie sind am Michelsberg ja mehrere hundert Meter geflogen. Eine Pionierleistung! Welche Information freut Sie mehr? Dass es jemanden gibt, der es mit dem Nachbau Ihres Flugapparates über die Donau geschafft hat oder dass heutzutage der Himmel voller Flieger ist?
Albrecht Berblinger: Wie? Was? Ich verstehe nicht…

Sie sind inzwischen ein gefeierter Erfinder. Ihnen zu Ehren gab es 175 Jahre nach Ihrem Absturz einen Flugwettbewerb. 30 Flugbegeisterte bauten Ihr Fluggerät möglichst originalgetreu nach und ein Teilnehmer erreichte damit die andere Seite der Donau.
Albrecht Berblinger: Das ist ja unglaublich!

Und wissen Sie, was noch unglaublicher ist? Alle Teilnehmer wurden gefeiert, auch die 29, die in die Donau gefallen sind.
Albrecht Berblinger: (Berblinger schüttelt den Kopf und denkt nach) Und was sagten Sie vorhin über diese anderen Flieger?

Es hat sich viel getan. In der Zeit, in der wir beide hier reden, fliegen etwa 20.000 Flugzeuge weltweit.
Albrecht Berblinger: Flugzeuge?

So nennt man das heute. Sie werden mit Motoren angetrieben und befördern hunderte Menschen gleichzeitig.
Albrecht Berblinger: Und Flugzeuge ohne – wie sagten Sie – Motor?

Auch diese gibt es, Segelflieger, Gleitflieger, Fallschirme, Ultraleichtflieger….
Dr. Christoph Hantel: Mir schwirrt der Kopf… Und ich war nicht dabei, als all das erfunden wurde. Können Sie mir die Technik erklären. Bitte!

Wir haben leider nicht so viel Zeit, was sehr schade ist. Denn wir bräuchten auch heute einen Pionier und Vordenker wie Sie. Denn aktuell ist die Welt durch die vielen Motorflieger sogar gefährdet.
Albrecht Berblinger: (denkt nach) Also, Sie meinen, es gibt zu viele Flugzeuge, richtig? So viele, dass es schlecht für die Menschen ist?

Ja.
Albrecht Berblinger: Mit was wird dieser Motor betrieben?

Kerosin. Eine Art Öl.
Albrecht Berblinger: Öl. Aha. Nun Öl verschmutzt, das kann ich mir vorstellen. Wenn man etwas aus Luft entwickeln würde? Oder aus Wasser? Ich müsste natürlich wissen, wie so ein Motor funktioniert, welche Mechanik dahinter steckt und und (er nimmt Zettel und Bleistift aus seiner abgewetzten
Jacke und will schon mit notieren und zeichnen beginnen).

Herr Berblinger, Sie müssen nun leider wieder in Ihr eigenes Jahrhundert zurück. Auch wenn Sie dort nicht viel erwartet. Außer Ihre zweite Frau.
Albrecht Berblinger: Ja, meine zweite Frau und Armut.

Das können wir Ihnen leider nicht ersparen. Die Vergangenheit kann und darf nicht verändert werden. Auch wenn Sie sich nicht mehr an unser Gespräch erinnern werden, bleibt vielleicht tief in Ihrem Innern das Gefühl zurück, dass Ihr Erfindergeist heute gewürdigt wird und Ihre Anstrengungen nicht umsonst waren.
Albrecht Berblinger: Das wäre wunderbar! (strahlt Berblinger, während sich seine Gestalt langsam wieder in Luft auflöst).


Interview & Fotos: Elvira Lauscher

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Auf der Website www.berblinger.ulm.de widmet sich die Stadt Ulm Berblinger rund um das eine Jubiläumsjahr. Sie schreibt dazu einen Ideenwettbewerb für eine innovative Erfindung aus. Dazu soll an der Adlerbastei ein 20 Meter hoher „Berblinger-Turm“ entstehen, der bis 15 Meter Höhe begehbar sein soll. Am Theater Ulm gibt es zwei Stücke über das Fliegen, u. a. die Uraufführung „Berblinger, Schneider.“

Zahlen und Fakten rund um Albrecht Berblinger

  • Am 27. Juni 1770 wird er als siebtes Kind seiner Eltern in Ulm geboren
  • Mit 13 kommt er nach dem Tod seines Vaters ins Waisenhaus
  • Er wird – gegen seinen Wunsch Uhrmacher zu werden – in eine Schneiderlehre geschickt
  • 1808 baut er eine „künstliche Fußmaschine“, eine Vorfahrin der heutigen Prothesen
  • Der amputierte Elias Schlumberger trägt begeistert die im Gelenk bewegliche Prothese
  • Der bayerische König lehnt Berblingers Bitte, diese Erfindung vertreiben zu dürfen, ab
  • Ulm bekommt 1811 Besuch von König Friedrich 1. Am 30. Mai soll Berblingers Flug über die Donau seinen Besuch bereichern
  • Berblinger bricht seinen Versuch wegen schlecher Winde ab
  • Am 31. Mai versucht er es vor des Königs Bruder und stürzt ab
  • Am 28. Januar 1829 stirb Berblinger im Ulmer Spital an Abzehrung
  • Max Eyth schreibt den historischen Roman über den „Schneider von Ulm“
  • Eyth stirbt am 25. August 1906 ohne den Druck erleben zu dürfen
  • Seit 1988 wird der Ulmer „Berblinger Preis“ an Flugzeugbauer der ganzen Welt vergeben
  • Im Juni 1986 schafft es Holger Rochelt die Donau zu überqueren und den „Schneider von Ulm“ endgültig zu rehabilitieren