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[Stadtgesichter] Interview


Ulmer Wärmestube: „Man kommt fröhlicher raus als man reingeht.“

„Das war sehr lecker. Vielen Dank!“. Ein junger Mann steckt den Kopf in die Küche und lächelt, während Anja Weise gemeinsam mit ihrem Mann Karl-Heinz Reichle die großen Lasagne-Schalen schrubbt und Annalena Rähme die Küche aufräumt. Es herrscht eine gelöste Stimmung bei den drei Ehrenamtlichen, die heute für 45 Obdachlose und Bedürftige in der „Wärmestube“, der Küche des Übernachtungsheims in der Frauenstraße, gekocht haben. Neben der Lasagne gab es Salat und zum Nachtisch Kuchen. „Der Nachtisch ist ganz wichtig“, weiß Karl-Heinz Reichle, der mit seiner Frau schon seit etwa 10 Jahren an mehreren Sonn- und Feiertagen jährlich für die Wärmestube kocht. Annalena Rähme, gerade erst 18 Jahre jung, hatte heute ihren ersten Einsatz, aber nicht ihren letzten, ist sie sich sicher.

Wie kam es dazu, dass Sie bei der Wärmestube mitkochen?

Karl-Heinz Reichle (KHR): Kochen ist mein Hobby. Ich habe einen Artikel über die Wärmestube in der Südwest Presse gelesen und weil wir neugierig waren, haben wir uns gemeldet.

Annalena, Sie sind heute das erste Mal mit dabei. Es heißt ja oft, dass junge Leute nicht mehr fürs Ehrenamt zu begeistern sind. Warum sind Sie hier?

Annalena Rähme: Es kommt immer was zurück. Das finde ich schön. Ich engagiere mich auch im Tierheim, würde mir aber schon wünschen, dass mehr junge Leute ehrenamtlich etwas tun. In meinem Bekanntenkreis gibt es nicht so viele.

Es wird für vierzig bis fünfundvierzig Personen gekocht. Was muss man bei so großen Mengen beachten, Herr Reichle?

KHR: Man kann im Grunde alles machen. Es ist immer eine Frage des Aufwandes. Wir haben auch schon Fisch rausgebraten, aber da ist man gut beschäftigt. Die Lasagne ist wenig Arbeit, denn die Vorbereitungen haben wir daheim gemacht. Es gehört ein bisschen Erfahrung dazu, wie viel man braucht. Als junger Mann war ich in der Bundeswehr in der Küche, daher weiß ich, wie man größere Mengen kocht.

Anja Weise (AW): Man hat halt seine Standardgerichte, die man gerne macht und die erprobt sind. Wenn die dann einmal im Jahr dran kommen, dann ist das gut verteilt.

Wie viel Kilo Nudeln und Hackfleisch haben Sie für die heutige Lasagne verarbeitet?

AW: Nudelplatten waren es drei Kilo.

KHR: Für die Hackfleischsauce waren es acht bis zehn Kilo Fleisch.

AW: Fleisch ist für die Leute hier extrem wichtig. Und weil es hier auch muslimische Mitbürger gibt, haben wir Rinderhackfleisch genommen.

Woher haben Sie privat so große Töpfe daheim?

KHR: Wenn es mal ein Angebot gab, haben wir uns diese und auch die Lasagne-Schalen nach und nach angeschafft.

AW: Wir kochen aber auch mal für unsere Kirchengemeinde größere Mengen.

KHR: Man kriegt Routine. Hackfleisch braten wir zum Beispiel nicht mehr in der Pfanne an, das kommt in den Backofen. Dann sind drei Kilo auf einmal angebraten.

Wie viel Zeit haben Sie für dieses Essen beispielweise investiert?

KHR: So acht bis zehn Stunden fließen dabei schon rein. Gestern ein paar Stunden für die Sauce und den Kuchen. Heute waren wir um 10:00 Uhr da und nach der Essensausgabe um 12:00 Uhr wird noch aufgeräumt.

Was haben Sie noch in Ihrem Repertoire?

KHR: Überbackenes Schweinefilet. Oder wir machen überbackenes Gemüse wie Rosenkohl, Blumenkohl, Karotten und Bohnen geschichtet mit Schweinefilet. Viel Gemüse schadet hier nicht, allerdings muss man bei Schwein ein Zweitgericht anbieten. Reh machen wir sehr viel, Rehrücken und Rehbraten. Aktuell haben wir angefangen haben, Risotto zu machen, das war vielen unbekannt. Wir wollen immer wieder Neues bieten.

Was ist für Sie das höchste Lob, das sie bekommen können?

AW: Es schmeckt wie daheim.

KHR: Oder wenn nichts in den Abfalleimer geht und jeder Teller ausgegessen ist.

Eine Bewohnerin kommt herein, fragt nach einem Löffel und macht ein paar launige Scherze mit dem Ehepaar.

KHR: Man kennt sich inzwischen.

Sind so etwas wie Freundschaften mit den Jahren entstanden?

KHR: Ja. Es gab hier einen Bewohner, den Walter, er hat uns so was von freundlich empfangen. Er war ein Unikum. Wenn man ihn in der Stadt getroffen hat, war auch immer großes Hallo. Es hat uns sehr getroffen, als er gestorben ist. Aber es gibt auch andere, zu denen man ein sehr nettes Verhältnis hat. Frau S. zum Beispiel, wie sie über den Zuckerspiegel lamentiert und dann genussvoll den Kuchen isst. Man macht viele Scherze miteinander.

Kennen Sie auch die anderen Ehrenamtlichen?

KHR: Im Januar gibt es immer ein gemeinsames Treffen, an dem dann auch die Termine verteilt werden. Da laden Frau Bertsch (Anmerkung der Redaktion: Mitbegründerin der Wärmestube) und Frau Brugger ein und man redet über allgemeine Dinge. Auch mit Frau Ambacher, der Leiterin vom Übernachtungsheim, wird schon mal über die Organisation diskutiert.

AW: Wir schauen, dass wir andere Personen aus unserem Bekanntenkreis dafür rekrutieren können.

KHR: Es sind inzwischen schon vier Trupps aus Weißenhorn.

AW: Ja, drei befreundete Ehepaare konnten wir schon gewinnen. Unser Eindruck ist, dass die Trupps immer älter werden. Wir zählen gerade eher zu den Jüngeren, was schon ein Witz ist.

Wie ist die Wärmestube finanziell geregelt?

KHR: Die Bewohner zahlen 50,- Cent pro Essen, die an die Wärmestube gehen. An Weihnachten ist das Essen gratis. Die Organisatorinnen Frau Bertsch und Frau Brugger sind exzellente Sammler und kriegen ein Budget von „Ulmer helft“. Unser Essen heute kostete so um die 100 Euro für die 45 Leute. Aber wir haben auch einen guten Fleischsponsor. Wenn wir Fisch kochen, dann werden es schon etwa 150 Euro.

Haben Sie sich jemals überlegt, ob es eine Situation geben könnte, in der Sie auch in die Obdachlosigkeit abrutschen könnten?

KHR: Nein, eigentlich nicht. Wobei ich fest davon überzeugt bin, dass die wenigsten, die hier sind, ihre Situation selbst verschuldet haben. Was mich ein bisschen erschreckt ist die Menge an jungen Leuten. Ich habe das Gefühl, dass diese immer jünger werden.

AW: Ich kann es mir schwer vorstellen, aber wenn man die Geschichten mancher Leute hört, weiß man, wie schnell das gehen kann. Unglückliche Scheidung, finanziell übernommen mit Hausbau oder ähnlichem – dann geht das schneller, als man denkt.

Annalena: Ich habe mich vorhin schon mit der Mitarbeiterin hier unterhalten und gehört, dass es heute schneller gehen kann. Ich bin auch mit 17 alleine nach Ulm gekommen und war dann länger krank, bin aber jetzt in der Wiedereingliederung zur Ausbildung in der Altenpflege. Viel Unterstützung habe ich während meiner Krankheit nicht erfahren. Man bekommt nur solche Sprüche wie „suchen Sie sich eine billigere Wohnung“. Ja wie denn?

Haben Sie ein Anliegen?

KHR: Wir brauchen weitere Koch-Teams, mehr Leute, die sich engagieren.

AW: Auch Ehrenamtliche, die nur einmal im Jahr kochen können, sind sehr gerne gesehen.

KHR: Wie Anja schon sagte, es ist zu erwarten, dass in den nächsten Jahren manche Teams altershalber ausfallen.

Dann gäbe es am Wochenende kein Essen mehr?

KHR: Richtig.

AW: Es kommen Leute, die sich kein warmes Essen leisten können. Das macht mich betroffen. Es gibt eine Dame, die ein Leben lang als Lageristin gearbeitet hat. Aber sie hat so wenig Rente oder so hohe Mietkosten, dass sie froh ist, wenn sie zum Essen kommen kann. Man merkt es auch: Gegen Monatsende hin ist es hier sehr gut besucht.

Es kommen also außer den Obdachlosen auch Bedürftige?

Annalena: Ich habe mich vorhin danach erkundigt. Es gibt feste Klienten, die hier wohnen, es kommen aber auch einige von außen.

AW: Sie müssen sich anmelden und bekommen dann Essensmarken für 50,- Cent für Haupt- und Nachspeise. Man kann so schnell bedürftig sein, das ist erschreckend.

Annalena: Es braucht nur eine Krankheit dazwischen zu kommen.

AW: Es gibt hier auch Menschen, die arbeiten, sich aber trotzdem keine Wohnung leisten können. Sie kommen hier ins Übernachtungsheim, um zu schlafen.

Die Feiertage sind nicht mehr weit. Werden Sie an diesen und besonders an Weihnachten auch geöffnet haben und wer wird kochen?

KHR: An Weihnachten selbst kocht das Rote Kreuz, an den Feiertagen wir. Meine Frau und ich kochen schon immer am zweiten Weihnachtsfeiertag. Dieses Jahr gibt es Rehbraten mit Semmelknödel und Gemüse. Für die Semmelknödel gehe ich in den Tafelladen in Weißenhorn und hole das übriggebliebene Brot. Das ist zwar ein großer Aufwand, die Knödel zu knödeln, denn es gibt 100 bis 110 Stück, aber es ist auch was Besonderes. Zum Nachtisch gibt’s eine Creme wie Panna Cotta und einen Kuchen. Der ist obligatorisch. Aber alles in allem: Es macht Spaß! Richtig Spaß!

AW: Ja, man geht fröhlicher hier raus, als man reingeht.

 

Vielen Dank für das Interview.

 

Info:

Die Mitbegründerin Liselotte Bertsch war schon im Januar 1979 dabei, als zur ersten Mahlzeit geladen wurde. Die heute 87-Jährige hat bis vor wenigen Jahren noch selbst gekocht und ist noch immer für die Abrechnung zuständig. Wer den Weg in die Küche des Obdachlosenheims gefunden hat, bleibt dem Sonntag- und Feiertagsdienst oft viele Jahre treu, auch weil der Aufwand berechenbar ist und die Zeit gut im Voraus geplant werden kann. Wochentags ist der Ulmer Tafelladen für ein warmes Abendessen zuständig. Während der Sommerferien und der Vesperkirche bleibt die Wärmestube kalt – es wird nicht gekocht. Derzeit gibt es etwas 30 Ehrenamtliche, die Menüs zubereiten, es werden aber weitere Helfer gesucht, die sich gerne an Liselotte Bertsch, Tel. (0731) 232 80 oder an Renate Brugger, Tel. (07304) 37 60 wenden dürfen.


Interview/Foto: Elvira Lauscher

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